Wenn Du ADHS hast, kennst Du vermutlich das Gefühl: Du weisst, was zu tun wäre, und kommst trotzdem nicht ins Handeln. Genau hier setzt die Verhaltenstherapie an. Sie arbeitet nicht mit Vorwürfen, sondern mit konkreten Werkzeugen für den Alltag. In diesem Ratgeber erfährst Du, was Verhaltenstherapie bei ADHS bedeutet, was die Studien zur Wirkung sagen, welche Methoden dazugehören und wie Du in der Schweiz Zugang findest.
Kurz erklärt: Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die am besten untersuchte psychotherapeutische Behandlung bei Erwachsenen mit ADHS. Sie übt Alltagsstrategien wie Planung und Impulssteuerung ein und bearbeitet hinderliche Gedanken. Eine Übersichtsarbeit von neun Studien fand, dass KVT besser wirkt als Warten auf die Behandlung (moderater bis grosser Effekt) und auch besser als aktive Vergleichsbehandlungen (kleiner bis moderater Effekt). Neuere Auswertungen zeigen im Durchschnitt mittlere Effekte, aber auch Grenzen: Die Studien sind oft klein, Teilnehmende und Therapeutinnen lassen sich nicht verblinden, und in einer grossen Netzwerk-Metaanalyse zeigten sich Vorteile nur in der Beurteilung durch Fachpersonen, nicht in der Selbstbeurteilung. KVT wird häufig mit anderen Bausteinen kombiniert, zum Beispiel mit Medikamenten. In der Schweiz kann die Grundversicherung die Kosten übernehmen, wenn die Psychotherapie ärztlich angeordnet wird.
Was ist Verhaltenstherapie bei ADHS?
Verhaltenstherapie ist eine Form der Psychotherapie, die Denken, Fühlen und Handeln gemeinsam betrachtet und gezielt neue Strategien einübt. Bei ADHS geht es nicht darum, Dich zu „ändern“, sondern darum, Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit, Organisation und Selbststeuerung mit praktischen Methoden besser aufzufangen. Ein Übersichtsartikel vermutet, dass das gezielte Erlernen und Üben konkreter Ausgleichsstrategien ein wichtiger Wirkfaktor der KVT bei ADHS sein könnte (Knouse & Safren, 2010).
Das Swiss Medical Forum nennt KVT als Psychotherapie mit der meisten Evidenz bei Erwachsenen, in Einzel- oder Gruppensettings. Zentral sind dort Impulsivitätsreduktion, Aufmerksamkeitslenkung, Alltagsorganisation und teils Achtsamkeitsübungen (Swiss Medical Forum, 2022). Der europäische Konsens zur ADHS bei Erwachsenen hält fest, dass KVT in Studien Kernsymptome und Beeinträchtigungen im Alltag verringert, vor allem als Teil eines multimodalen Vorgehens (Kooij et al., 2019).
Auch die Leitlinien sehen Psychotherapie als Baustein. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt, Psychotherapie insbesondere Personen anzubieten, die unter Medikation noch Beschwerden haben (starke Empfehlung, moderate Sicherheit der Evidenz). Am ehesten belegt sind dabei verhaltenstherapeutische Verfahren (AWMF, 2026). Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt, eine nichtmedikamentöse Behandlung zu erwägen, wenn Medikamente bewusst abgelehnt, nicht vertragen oder nicht zuverlässig eingenommen werden oder nicht wirken, und zusätzlich zur Medikation bei Restbeschwerden. Das kann Elemente oder einen ganzen KVT-Kurs umfassen (NICE, 2018). Das Swiss Medical Forum richtet die multimodale Behandlung nach der deutschen S3-Leitlinie aus (Swiss Medical Forum, 2022).
Typische Ziele
Die Ziele legst Du mit Deiner Therapeutin oder Deinem Therapeuten individuell fest. Häufig gehören dazu:
- mehr Struktur und feste Routinen im Alltag
- besserer Umgang mit Impulsen und Ablenkung
- realistisches Zeitmanagement und Planung
- weniger negative Selbstgespräche und Selbstkritik
- ein ruhigerer Umgang mit Frust, Angst oder Wut
- bessere Kommunikation in Beruf und Beziehung
Wie wirksam ist Verhaltenstherapie bei ADHS?
Die Studienlage spricht dafür, dass sie hilft, ist aber nicht ganz einheitlich. Eine systematische Übersichtsarbeit mit neun randomisierten Studien zeigte in zwei Metaanalysen, dass KVT bei Erwachsenen die ADHS-Symptome direkt nach der Behandlung stärker verringerte als eine Wartelistenkontrolle (SMD 0,76) und auch stärker als aktive Vergleichsbehandlungen (SMD 0,43). Die Ergebnisse beziehen sich auf den Zeitpunkt unmittelbar nach der Therapie (Young et al., 2020). Eine weitere Metaanalyse mit 32 Studien fand, dass KVT bei Erwachsenen mit ADHS auch Lebensqualität, Gefühlsregulation, Depressions- und Angstsymptome verbessern kann, mit besonders deutlichen Effekten im Follow-up. Die Autorinnen und Autoren weisen auf ein hohes Verzerrungsrisiko in den Studien hin (López-Pinar et al., 2020).
| Studie | Wer und was | Ergebnis |
|---|---|---|
| Young et al., 2020 | Systematische Übersicht, 9 randomisierte Studien, Erwachsene; Metaanalysen mit 4 (Warteliste) bzw. 3 (aktive Kontrolle) Studien | KVT besser als Warteliste (SMD 0,76) und als aktive Kontrollen (SMD 0,43), gemessen direkt nach der Behandlung |
| Ostinelli et al., 2025 | Netzwerk-Metaanalyse, 113 randomisierte Studien mit 14 887 Erwachsenen (28 Studien zu Psychotherapien) | KVT besser als Kontrollbedingung nur in der Fremdbeurteilung (SMD 0,76; Konfidenzintervall 0,26 bis 1,26), nicht in der Selbstbeurteilung |
| López-Pinar et al., 2026 | Metaanalyse, 70 Studien (38 randomisiert, auch Studien ohne Kontrollgruppe), KVT bei Erwachsenen, Ergebnis Alltagsfunktion | Moderate Verbesserung der Alltagsfunktion (SMD 0,47 nach der Behandlung, 0,67 im Follow-up); Lebensqualität weniger und im Follow-up nicht mehr signifikant |
| Pan et al., 2024 | 98 Erwachsene mit Medikation und Restsymptomen, 12 Wochen Gruppen-KVT plus Medikation gegenüber Medikation allein (Vergleichsgruppe wartete mit der KVT) | Stärkere Besserung von Kernsymptomen (Selbstbeurteilung), depressiven Symptomen und psychischer Lebensqualität, auch ein Jahr später |
| Corbisiero et al., 2018 | 43 Erwachsene in Basel, individuelle KVT zusätzlich zur Medikation gegenüber üblicher klinischer Betreuung mit Medikation | KVT war der üblichen Betreuung nicht überlegen; Stichprobe klein |
Zwei grosse Auswertungen aus dem Jahr 2025 ordnen das ein. Eine Übersicht über Metaanalysen stufte KVT bei Erwachsenen mit mindestens moderater Sicherheit der Evidenz und mittlerer Effektstärke auf die ADHS-Symptome ein, im Vergleich zu Kontrollbedingungen ohne aktive Behandlung. Für keine der untersuchten Behandlungen gab es allerdings Evidenz hoher Sicherheit für eine langfristige Wirkung (Gosling et al., 2025). Eine Netzwerk-Metaanalyse fand bei Medikamenten (Stimulanzien und Atomoxetin) Vorteile gegenüber Placebo sowohl in Selbst- als auch in Fremdbeurteilung, bei KVT und anderen nichtmedikamentösen Verfahren dagegen nur in der Fremdbeurteilung. Die Autorinnen und Autoren bezeichnen die Wirkung nichtmedikamentöser Verfahren deshalb als uneinheitlich (Ostinelli et al., 2025). Eine aktuelle Metaanalyse zur Alltagsfunktion mahnt trotz moderater Effekte wegen Verzerrungsrisiko, Selbstbeurteilungen und kurzer Nachbeobachtung (meist drei Monate) zur Vorsicht (López-Pinar et al., 2026). Die deutsche S3-Leitlinie begründet die nur moderate Sicherheit der Evidenz unter anderem damit, dass sich Teilnehmende und Therapeutinnen in der Psychotherapie nicht verblinden lassen (AWMF, 2026).
Das Bild ist also nicht schwarz-weiss. Die Basler Studie ist ein Beispiel dafür, dass ein bestimmtes KVT-Programm nicht in jedem Setting mehr leistet als eine gute klinische Betreuung. Die Autorinnen und Autoren verweisen selbst auf die kleine Gruppengrösse (Corbisiero et al., 2018). Was zu Dir passt, hängt vom Einzelfall ab. Versprechen kann Dir niemand etwas. Im Durchschnitt sprechen die Studien für eine spürbare Entlastung, die aber nicht bei allen gleich gross ausfällt.

Welche Methoden gehören zur Verhaltenstherapie bei ADHS?
Je nach Programm werden verschiedene Bausteine kombiniert. Typisch sind diese fünf:
1. Psychoedukation
Du lernst, wie ADHS funktioniert und was das für Deinen Alltag bedeutet. Der europäische Konsens nennt Psychoedukation als Ausgangspunkt der Behandlung (Kooij et al., 2019), und die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt sie als Basisstrategie für alle Erwachsenen mit ADHS-Diagnose (AWMF, 2026).
2. Impulskontrolle und Reizkontrolle
Du übst, zwischen Reiz und Reaktion eine Pause einzubauen. Das kann ein bewusstes Innehalten vor Entscheidungen sein, ein Stopp-Signal oder eine feste Regel. Ein Beispiel: „Bei Anschaffungen über 50 Franken schlafe ich eine Nacht darüber.“ Rollenspiele helfen, solche Situationen vorab zu üben.
3. Zeitmanagement und Planungshilfen
Viele Menschen mit ADHS schätzen Zeit schwer ein. Hilfreich sind Wochenpläne, Kalender mit Erinnerungen, visuelle Timer und die Aufteilung grosser Aufgaben in kleine Schritte. In der Therapie wird erprobt, was bei Dir im Alltag wirklich funktioniert, statt ein Standardsystem vorzugeben.
4. Selbstinstruktion
Dabei begleitest Du Abläufe mit inneren Anweisungen, zum Beispiel „Zuerst A, dann B, dann C“. Das gibt Orientierung, wenn Du sonst leicht vom Thema abkommst.
5. Belohnungspläne
Auch Erwachsene profitieren davon, kleine Ziele zu definieren und Erreichtes bewusst zu würdigen, zum Beispiel mit einer Pause oder einer Aktivität, die Dir Freude macht. Das stärkt die Motivation und das Selbstvertrauen.
Diese fünf Bausteine sind Beispiele und kein einheitliches Programm. Welche Du übst, vereinbarst Du mit Deiner Therapeutin oder Deinem Therapeuten. Eine Netzwerk-Metaanalyse (43 randomisierte Studien) fand Hinweise, dass Organisationsstrategien und Elemente der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie mit besserem Ansprechen der Kernsymptome verbunden waren, Problemlösetechniken mit weniger Unaufmerksamkeit (Matsumoto et al., 2024). Eine Rangliste für Deinen Einzelfall ergibt sich daraus nicht.
Aus der Praxis
Zu Beginn erwarten viele Betroffene, dass Verhaltenstherapie vor allem Motivation bringt. In der Sprechstunde erklären wir, dass es vielmehr um das Üben konkreter Strategien geht. Meist steht am Anfang die Psychoedukation: Wie wirkt ADHS bei Dir, und wo im Alltag hakt es am meisten? Daraus leiten wir gemeinsam Ziele ab und wählen die Bausteine, die dazu passen, zum Beispiel Planung, Umgang mit Impulsen oder weniger Selbstkritik. Wichtig ist uns, dass Strategien zu Deinem Leben passen und nicht ein Standardsystem übergestülpt wird. Manches funktioniert, anderes nicht, und das gehört zum Ausprobieren dazu. Ob Medikamente ergänzend sinnvoll sind, besprechen wir im Verlauf gemeinsam.
Wie läuft eine Verhaltenstherapie in der Schweiz ab?
Der Ablauf ist meist ähnlich: ein Erstgespräch, falls nötig eine Diagnostik, ein gemeinsamer Therapieplan und regelmässige Sitzungen mit Übungen für den Alltag. Zwischen den Terminen arbeitest Du oft mit Tagebüchern, Wochenplänen oder anderen Aufgaben, und der Fortschritt wird laufend überprüft. In Studien kamen zum Beispiel zwölfwöchige Gruppenprogramme (Pan et al., 2024) oder bis zu zwölf Einzelsitzungen (Corbisiero et al., 2018) zum Einsatz. Wie häufig die Sitzungen stattfinden und wie lange die Therapie dauert, hängt von Deinen Zielen und dem Angebot ab.
Gruppe, Einzel oder online?
Welches Format besser ist, ist offen. Die S3-Leitlinie empfiehlt Gruppen- und Einzelbehandlung gleichermassen, mit schwacher Empfehlung (AWMF, 2026). Eine Metaanalyse fand bei Gruppenformaten stärkere Effekte auf die Kernsymptome und beim Einzelformat auf Stimmung, Angst und Lebensqualität (Liu et al., 2026). Bei der Alltagsfunktion waren dagegen Einzelformat und längere Dauer mit besseren Ergebnissen verbunden (López-Pinar et al., 2026).
Auch digitale Angebote werden untersucht. Die S3-Leitlinie hält digitale Interventionen höchstens als Ergänzung für sinnvoll und nur nach guter Prüfung der Wirksamkeit, bei schwacher Evidenz (AWMF, 2026). In einer Studie mit 337 Erwachsenen senkte ein selbstgeführtes digitales Programm auf Basis von KVT und Achtsamkeit zusätzlich zur üblichen Behandlung die selbst berichteten ADHS-Beschwerden nach drei Monaten stärker als die übliche Behandlung allein. Als Ersatz für eine Psychotherapie wurde es dabei nicht geprüft (D’Amelio et al., 2026).
Kosten und Zugang in der Schweiz
Seit dem 1. Juli 2022 kann die Grundversicherung die Kosten übernehmen, wenn die Psychotherapie ärztlich angeordnet wird (Anordnungsmodell) und die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut zugelassen ist. Dafür braucht eine selbständig tätige psychologische Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut unter anderem einen anerkannten Weiterbildungstitel, eine kantonale Berufsausübungsbewilligung, mindestens drei Jahre psychotherapeutische Erfahrung und die Zulassung des Kantons zur Tätigkeit zulasten der Grundversicherung. Die frühere ärztlich delegierte Psychotherapie gibt es in der Grundversicherung seit dem 1. Januar 2023 nicht mehr. Pro Anordnung sind bis zu 15 Sitzungen vorgesehen. Danach tauschen sich anordnende Ärztin und Therapeut aus, und es können bis zu 15 weitere Sitzungen angeordnet werden. Über 30 Sitzungen hinaus braucht es die Zustimmung (Kostengutsprache) des Versicherers. Angeordnet werden kann regulär durch Fachärztinnen und Fachärzte unter anderem für Allgemeine Innere Medizin sowie für Psychiatrie und Psychotherapie. Bei Gruppentherapien braucht jede teilnehmende Person eine eigene ärztliche Anordnung (BAG). Mehr zu Ablauf und Zugang findest Du im Beitrag Psychotherapie bei ADHS: Ablauf in der Schweiz.

Wie lässt sich Verhaltenstherapie mit anderen Therapien kombinieren?
Meist wird sie als Teil einer multimodalen Therapie eingesetzt. Der europäische Konsens empfiehlt für Erwachsene ein multimodales und multidisziplinäres Vorgehen mit Psychoedukation, Medikation, KVT und Coaching (Kooij et al., 2019). Mehrere Studien zeigen, wie sich KVT und Medikamente zueinander verhalten, mit nicht ganz einheitlichen Ergebnissen:
- Bei Erwachsenen, die trotz stabiler Medikation noch Beschwerden hatten, brachte zusätzliche Gruppen-KVT stärkere Verbesserungen als die Medikation allein. Der Vorteil zeigte sich in Selbstbeurteilungen, und die Vergleichsgruppe erhielt in dieser Zeit keine Psychotherapie (Pan et al., 2024). Eine Metaanalyse fand den Vorteil der Kombination gegenüber der Medikation allein nach drei Monaten, nicht mehr nach sechs und neun Monaten (Li & Zhang, 2024). Mehr zur medikamentösen Seite im Beitrag ADHS-Medikamente.
- In einer Auswertung mit 124 Erwachsenen, die zwölf Wochen KVT erhielten (57 mit, 67 ohne Medikation; Teilnehmende aus einer früheren Studie und aus Ambulanzen), besserten sich Kernsymptome, Gefühle und soziale Funktionen in beiden Gruppen deutlich. Bei den Kernsymptomen zeigte die Kombination keinen Vorteil, bei den Exekutivfunktionen verbesserten sich mit Medikation mehr Bereiche (Pan et al., 2019). Eine randomisierte Studie mit 88 Erwachsenen fand, dass Gruppen-KVT mit Medikation anfangs stärker wirkte als Gruppen-KVT allein, der Unterschied verkleinerte sich aber bis zum Follow-up (Cherkasova et al., 2020, Beurteilung ohne Verblindung).
Auch Achtsamkeitstraining wird ergänzend genutzt. Eine Metaanalyse beschreibt Achtsamkeit als Ergänzung, nicht als Ersatz, da der Effekt gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen deutlich kleiner ausfiel und in einigen Analysen ein Publikationsbias festgestellt wurde (Oliva et al., 2021). In einer grossen Übersicht über Metaanalysen zeigte Achtsamkeit bei Erwachsenen grosse Effekte, die Sicherheit dieser Evidenz war aber niedrig (Gosling et al., 2025). Für Neurofeedback fand eine andere Metaanalyse bei begleitenden Beschwerden wie Depression oder Angst nur beim Selbstwert einen Vorteil gegenüber den Kontrollbedingungen (López-Pinar et al., 2020). Einen Überblick über weitere Möglichkeiten gibt der Beitrag ADHS-Therapieformen im Vergleich, und für den Austausch mit anderen eignet sich eine Gruppentherapie.
Wie grenzt sich Verhaltenstherapie von DBT, ACT und Coaching ab?
DBT
Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) ist eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie mit Schwerpunkt auf Achtsamkeit und Emotionsregulation. Das Swiss Medical Forum beschreibt, dass Elemente der DBT bei ADHS häufig eingesetzt werden (Swiss Medical Forum, 2022). Die grosse deutsche Studie prüfte ein DBT-basiertes Gruppenprogramm. Es war beim Hauptergebnis nicht besser als individuelle klinische Betreuung (Philipsen et al., 2015). In einer aktuellen chinesischen Studie mit 98 Erwachsenen verbesserten sich Gruppen mit DBT und mit KVT ähnlich. Eine gleichwertige Wirkung konnte die Studie aber nicht belegen (Zhang et al., 2026).
ACT
Auch die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) gehört zu den Weiterentwicklungen der Verhaltenstherapie. Ein Beispiel ist ein Online-Gruppenprogramm mit Psychoedukation und ACT, das in einer Studie ohne Kontrollgruppe als gut umsetzbar beschrieben wurde (Seery et al., 2024). Ob ACT bei ADHS besser oder schlechter wirkt als KVT, lässt sich daraus nicht ableiten.
Coaching
Coaching ist eine Begleitung, die Struktur, Rückmeldung und Unterstützung beim Aufbau von Alltagsfähigkeiten bietet. Der europäische Konsens beschreibt es als Ableger des kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatzes ohne einheitliche Methode und weist darauf hin, dass kontrollierte Studien fehlten (Kooij et al., 2019). Das Swiss Medical Forum sieht Coaching als wertvollen Baustein der multimodalen Behandlung (Swiss Medical Forum, 2022).
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Eine Therapie macht erst Sinn, wenn geklärt ist, was dahintersteckt. Ob bei Dir ADHS vorliegt oder ob andere Ursachen wie Depression, Angst oder Schlafprobleme eine Rolle spielen, klärt eine ärztliche oder psychologische Abklärung. Sprich auch dann mit einer Fachperson, wenn Du Dich über längere Zeit niedergeschlagen oder überfordert fühlst. Bei Suizidgedanken oder akuten Krisen ruf die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 an oder wende Dich an Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall.
Häufige Fragen zur Verhaltenstherapie bei ADHS
Hilft Verhaltenstherapie auch ohne Medikamente?
Studien deuten darauf hin, dass sie auch ohne Medikamente helfen kann, die Datenlage dazu ist aber dünn. In einer Auswertung mit 124 Erwachsenen besserten sich die Kernsymptome mit und ohne Medikation deutlich, die Exekutivfunktionen aber in mehr Bereichen mit Medikation (Pan et al., 2019). Der europäische Konsens sieht KVT als mögliche beste Option, wenn Medikamente nicht gewünscht oder nicht vertragen werden, hält die Belege für KVT als alleinige Behandlung aber nicht für ausreichend (Kooij et al., 2019). Auch NICE empfiehlt, bei bewusster Entscheidung gegen Medikamente eine nichtmedikamentöse Behandlung zu erwägen (NICE, 2018). Was für Dich passt, klärst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Nimm Medikamente nie eigenständig ab.
Wie lange dauert eine Verhaltenstherapie bei ADHS?
Das hängt vom Programm und von Deinen Zielen ab. Strukturierte Programme in Studien dauerten etwa zwölf Wochen (Pan et al., 2024). In der Praxis wird der Plan individuell angepasst. Über das Anordnungsmodell sind pro Anordnung bis zu 15 Sitzungen vorgesehen, danach können weitere 15 angeordnet werden, über 30 Sitzungen hinaus braucht es die Zustimmung des Versicherers (BAG). Sprich bei Therapiebeginn über Ziele und geschätzte Dauer.
Zahlt die Krankenkasse die Verhaltenstherapie?
Wenn die Psychotherapie von einer Ärztin oder einem Arzt angeordnet wird und bei einer zugelassenen Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten stattfindet, kann die Grundversicherung die Kosten übernehmen. Eine ärztlich delegierte Psychotherapie gibt es in der Grundversicherung seit dem 1. Januar 2023 nicht mehr (BAG). Wie bei anderen Leistungen der Grundversicherung hängt Dein Anteil von Franchise und Selbstbehalt ab. Frag zur Sicherheit vor Beginn bei der Krankenkasse nach.
Was ist der Unterschied zwischen Verhaltenstherapie und Coaching?
Verhaltenstherapie ist Psychotherapie und kann bei Erkrankungen angeordnet und über die Grundversicherung abgerechnet werden. Coaching ist lösungsorientierter und eher ein Training für den Alltag. Der europäische Konsens beschreibt Coaching als Beziehung, die Struktur, Unterstützung und Rückmeldung für den Aufbau von Lebenskompetenzen bietet, mit bisher erst vorläufiger Evidenz (Kooij et al., 2019).
Fazit
Verhaltenstherapie kann Dir helfen, im Alltag mehr Struktur und Ruhe zu finden, und ist eine gut untersuchte Option bei ADHS im Erwachsenenalter. Die Wirkung ist im Durchschnitt mittelgross und fällt von Person zu Person unterschiedlich aus. Sie wirkt am besten dann, wenn sie zu Deiner Lebenssituation passt und als ein Baustein in einem Gesamtplan gesehen wird. Wenn Du wissen möchtest, wie das bei Dir aussehen könnte, kannst Du das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam nutzen. Mehr zum Angebot findest Du auf der Seite zur ADHS-Therapie.
Quellen
- Knouse, L. E. & Safren, S. A. (2010). Current status of cognitive behavioral therapy for adult attention-deficit hyperactivity disorder. Psychiatric Clinics of North America, 33(3), 497-509. sciencedirect.com
- Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6), 875-888. journals.sagepub.com
- López-Pinar, C. et al. (2020). Efficacy of nonpharmacological treatments on comorbid internalizing symptoms of adults with ADHD: a meta-analytic review. Journal of Attention Disorders, 24(3), 456-478. journals.sagepub.com
- Pan, M. R. et al. (2024). One-year follow-up of the effectiveness and mediators of cognitive behavioural therapy among adults with ADHD: secondary outcomes of a randomised controlled trial. BMC Psychiatry, 24, 207. link.springer.com
- Pan, M. R. et al. (2019). A comparison of efficacy between cognitive behavioral therapy (CBT) and CBT combined with medication in adults with ADHD. Psychiatry Research, 279, 23-33. sciencedirect.com
- Corbisiero, S. et al. (2018). A comparison of cognitive-behavioral therapy and pharmacotherapy vs. pharmacotherapy alone in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): a randomized controlled trial (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel). Frontiers in Psychiatry, 9, 571. frontiersin.org
- Oliva, F. et al. (2021). The efficacy of mindfulness-based interventions in attention-deficit/hyperactivity disorder beyond core symptoms: a systematic review, meta-analysis, and meta-regression. Journal of Affective Disorders, 292, 475-486. sciencedirect.com
- Philipsen, A. et al. (2015). Effects of group psychotherapy, individual counseling, methylphenidate, and placebo in the treatment of adult attention-deficit/hyperactivity disorder: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry, 72(12), 1199-1210. doi.org
- Cherkasova, M. V. et al. (2020). Efficacy of cognitive behavioral therapy with and without medication for adults with ADHD: a randomized clinical trial. Journal of Attention Disorders, 24(6), 889-903. doi.org
- Li, Y. & Zhang, L. (2024). Efficacy of cognitive behavioral therapy combined with pharmacotherapy versus pharmacotherapy alone in adult ADHD: a systematic review and meta-analysis. Journal of Attention Disorders, 28(3), 279-292. doi.org
- Matsumoto, K. et al. (2024). Components of cognitive-behavioural therapy for mitigating core symptoms in attention-deficit hyperactivity disorder: a systematic review and network meta-analysis. BMJ Mental Health, 27(1). doi.org
- Ostinelli, E. G. et al. (2025). Comparative efficacy and acceptability of pharmacological, psychological, and neurostimulatory interventions for ADHD in adults: a systematic review and component network meta-analysis. The Lancet Psychiatry, 12(1), 32-43. doi.org
- Gosling, C. J. et al. (2025). Benefits and harms of ADHD interventions: umbrella review and platform for shared decision making. BMJ, 391, e085875. doi.org
- López-Pinar, C. et al. (2026). Cognitive behavioral therapy effects on global functioning, domain-specific functioning, and quality of life in adult ADHD: a comprehensive meta-analysis. Behaviour Research and Therapy, 201, 105026. doi.org
- Liu, Y. et al. (2026). A meta-analysis of the intervention effect of cognitive behavioral therapy on adult ADHD. Journal of Affective Disorders, 399, 121107. doi.org
- D’Amelio, R. et al. (2026). Effectiveness of a digital intervention based on cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a randomized controlled trial. Psychological Medicine, 56, e54. doi.org
- Zhang, L.-Q. et al. (2026). Group dialectical behavior therapy skills training versus group cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a randomized controlled trial. BMC Psychiatry, 26(1). doi.org
- Seery, C. et al. (2024). Feasibility of the Understanding and Managing Adult ADHD Programme: open-access online group psychoeducation and acceptance and commitment therapy for adults with attention-deficit hyperactivity disorder. BJPsych Open, 10(5), e163. doi.org
- NICE (2018, aktualisiert 2019). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). nice.org.uk
- AWMF (2026). Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Version 2.0, AWMF-Register-Nr. 028-045. register.awmf.org
- Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum, 22(27-28), 439-445. smf.swisshealthweb.ch
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch