Manche Menschen möchten ADHS ohne Medikamente behandeln: wegen Nebenwirkungen, aus persönlicher Überzeugung oder weil sie zuerst andere Wege ausprobieren wollen. Das ist ein legitimer Wunsch. In diesem Ratgeber ordnen wir ein, welche Ansätze es gibt, was die Studien dazu sagen und wo ihre Grenzen liegen.
Kurz erklärt: ADHS lässt sich nicht nur mit Medikamenten behandeln. Psychoedukation, kognitive Verhaltenstherapie, Coaching, Gruppenprogramme und ein angepasster Lebensstil können Symptome und Alltag verbessern. Die Studienlage ist je nach Ansatz unterschiedlich gut: Für Verhaltenstherapie ist sie am besten, für Achtsamkeit, Bewegung oder Neurofeedback deutlich unsicherer. Ob ein Weg ohne Medikamente für Dich reicht, hängt von Deiner Situation ab und sollte mit einer Fachperson besprochen werden.
Lässt sich ADHS ohne Medikamente behandeln?
Ja, viele Bausteine der Behandlung kommen ohne Medikamente aus, und manche Menschen benötigen keine. Gleichzeitig gilt: Für die Kernsymptome sind Medikamente die am besten belegte Einzelmassnahme. Der europäische Konsens zur ADHS bei Erwachsenen beschreibt für Amphetamine und Methylphenidat moderate bis hohe klinische Effekte, empfiehlt aber ein multimodales Vorgehen mit Psychoedukation, kognitiver Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). Eine einzelne Methode ersetzt also selten alles. Die Entscheidung für oder gegen Medikamente solltest Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt treffen, und Medikamente, die Du bereits nimmst, setzt Du nie allein ab. Hintergründe findest Du im Beitrag ADHS-Medikamente.
Ein Hinweis, dass nicht-medikamentöse Behandlung wirksam sein kann: In einer Studie mit 124 Erwachsenen, die zwölf Wochen KVT erhielten (57 mit, 67 ohne Medikation), besserten sich Kernsymptome und Gefühle in beiden Gruppen deutlich. Die Exekutivfunktionen, also Planen und Steuern, besserten sich mit Medikation stärker (Pan et al., 2019). Das ist eine einzelne Studie, sie zeigt aber, dass beides eine Rolle spielt.
| Ansatz | Studienlage (Erwachsene) | Einordnung |
|---|---|---|
| Kognitive Verhaltenstherapie | Besser als Warteliste und als aktive Kontrollen (Young et al., 2020) | Am besten untersuchte Alternative oder Ergänzung |
| Gruppenprogramme (z. B. DBT-basiert) | Eine norwegische Studie mit 121 Personen: Besserung von Symptomen und Exekutivfunktionen (Halmøy et al., 2022) | Vielversprechend, noch wenige Studien |
| Achtsamkeit | Besser als Warteliste, gegenüber aktiven Kontrollen deutlich kleiner (Oliva et al., 2021) | Ergänzung, kein Ersatz |
| Bewegung | Einzelne Einheiten: kleiner Effekt; regelmässiges Training: nicht gesichert, Studienqualität gering (Dahlberg et al., 2025) | Sinnvoll für Wohlbefinden, Wirkung auf Kernsymptome unsicher |
| Neurofeedback | Begrenzte Gruppenunterschiede bei Begleitsymptomen (López-Pinar et al., 2020) | Studienlage uneinheitlich |
| Ernährung, Omega-3 | Übersicht mit kleinem Effekt für Omega-3, teils Studien bei Kindern (Stevenson et al., 2014) | Kein Ersatz für Therapie |
Wie hilft Verhaltenstherapie ohne Medikamente?

Sie vermittelt Strategien für Alltag, Planung und Gefühle und ist die am besten untersuchte Psychotherapie bei Erwachsenen mit ADHS. Eine Metaanalyse von neun randomisierten Studien zeigte, dass KVT die Symptome stärker verringerte als Warten auf die Behandlung (SMD 0,76) und auch stärker als aktive Vergleichsbehandlungen (SMD 0,43) (Young et al., 2020). Das Swiss Medical Forum nennt KVT als Psychotherapie mit der meisten Evidenz, in Einzel- oder Gruppensettings (Swiss Medical Forum, 2022). Typische Inhalte sind Planung und Routinen, Umgang mit Impulsen und Ablenkung, Aufschieben, Stress und ein freundlicherer Umgang mit sich selbst. Mehr dazu im Beitrag Verhaltenstherapie bei ADHS.
Auch Gruppenprogramme können Teil der Behandlung sein. In einer Studie an sieben norwegischen Kliniken mit 121 Erwachsenen verbesserte ein 14-wöchiges DBT-basiertes Gruppenprogramm Kernsymptome, Exekutivfunktionen, Lebensqualität und depressive Symptome stärker als die übliche Behandlung, und die Verbesserungen hielten über sechs Monate an. Die Autorinnen und Autoren sehen es als geeignete nicht-medikamentöse Option, besonders ergänzend zu Medikamenten (Halmøy et al., 2022). Mehr zu Inhalten und Alltag erfährst Du im Beitrag ADHS-Gruppentherapie für Erwachsene.
Dazu kommt Coaching. Der europäische Konsens beschreibt es als Beziehung, die Struktur, Unterstützung und Rückmeldung für den Aufbau von Alltagsfähigkeiten bietet. Die Evidenz ist bisher vorläufig (Kooij et al., 2019). Das Swiss Medical Forum nennt Coaching eine wertvolle Teileinheit der multimodalen Behandlung (Swiss Medical Forum, 2022).
Was bringen Achtsamkeit und Neurofeedback?
Achtsamkeit kann ergänzen, Neurofeedback ist weniger klar. Eine Metaanalyse von 31 Studien (Erwachsene und Kinder) fand, dass achtsamkeitsbasierte Programme bei Erwachsenen besser abschnitten als Wartelisten, mit mittlerem Effekt auf die Kernsymptome. Gegenüber aktiven Vergleichsbehandlungen waren die Effekte aber deutlich kleiner, weshalb die Autorinnen und Autoren Achtsamkeit eher als Ergänzung sehen (Oliva et al., 2021). Eine Übersichtsarbeit zu Achtsamkeit bei Erwachsenen mit ADHS spricht von vorläufiger Unterstützung und verlangt grössere Studien (Mitchell et al., 2015). Wie Du Achtsamkeit im Alltag üben kannst, steht im Beitrag ADHS und Achtsamkeit.
Neurofeedback macht Hirnaktivität mit EEG sichtbar und soll helfen, sie zu trainieren. In einer Metaanalyse zu Psychotherapien bei Erwachsenen zeigte Neurofeedback bei begleitenden Beschwerden wie Depression oder Angst nur begrenzte Unterschiede zwischen den Gruppen (López-Pinar et al., 2020). Zu den Kernsymptomen haben wir keine eigene geprüfte Quelle, die Studienlage wird in der Fachwelt uneinheitlich diskutiert. Informiere Dich deshalb kritisch, und frag, ob und wie eine Wirksamkeit belegt ist. Eine Einordnung gibt der Beitrag Neurofeedback bei ADHS.
Aus der Praxis
Der Wunsch nach einer Behandlung ohne Medikamente ist in der Sprechstunde häufig, und wir nehmen ihn ernst. Zuerst fragen wir, woher er kommt: Sind es Sorgen wegen Nebenwirkungen, persönliche Überzeugungen oder der Wunsch, zuerst anderes auszuprobieren? Danach besprechen wir offen, welche Bausteine ohne Medikamente möglich sind und wo ihre Grenzen liegen. Viele unterschätzen, dass eine einzelne Methode selten alles abdeckt, Bewegung oder Achtsamkeit können unterstützen, ersetzen aber keine Behandlung. Wichtig ist uns, gemeinsam zu schauen, ob sich im Alltag etwas bessert, und den Weg bei Bedarf anzupassen. Die Entscheidung bleibt Deine, und sie kann später neu überlegt werden.
Welche Rolle spielen Lebensstil, Bewegung und Ernährung?

Sie sind eine sinnvolle Unterstützung, aber kein Ersatz für Therapie. Eine Metaanalyse mit 13 Studien und 312 Erwachsenen fand, dass einzelne Bewegungseinheiten ADHS-Symptome leicht verringern (kleiner Effekt), während für regelmässiges Training über mehrere Einheiten kein gesicherter Effekt nachweisbar war. Die Autorinnen und Autoren bewerteten die Studienqualität überwiegend als gering (Dahlberg et al., 2025). Bewegung kann trotzdem Teil Deines Alltags sein, etwa als Pause oder zum Abbau von Anspannung. Das Swiss Medical Forum erwähnt zudem Ausdauersport und Atemübungen als körperbezogene Methoden (Swiss Medical Forum, 2022).
Bei der Ernährung ist die Lage ebenfalls vorsichtig. Eine europäische Übersichtsarbeit sah für Omega-3-Fettsäuren Hinweise auf einen kleinen Effekt aus gut gemachten Studien, bei Eliminationsdiäten und dem Verzicht auf Farbstoffe aber noch offene Fragen und methodische Schwächen. Die Übersicht bezieht sich teils auf Studien bei Kindern (Stevenson et al., 2014). Wenn Du Nahrungsergänzungsmittel ausprobieren möchtest, sprich vorher mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Mehr dazu im Beitrag Ernährung bei ADHS.
Stabiler Schlaf, feste Tagesabläufe und Pausen sind ebenfalls hilfreiche Gewohnheiten. Wichtig ist eine realistische Erwartung: Lebensstil kann Dich entlasten, aber ADHS verschwindet dadurch nicht. Ein Beispiel für einen kleinen Schritt: Du legst Dir jeden Tag eine feste Zeit für einen Spaziergang in den Kalender.
Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?
Eine Abklärung lohnt sich, wenn Beschwerden Deinen Alltag, Deine Arbeit oder Deine Beziehungen deutlich belasten oder wenn Du Dich unsicher bist, welcher Weg zu Dir passt. Sie ist auch dann wichtig, wenn Du bereits ohne Medikamente behandelst und merkst, dass es nicht reicht. Dann kann ein Gespräch klären, ob eine Ergänzung sinnvoll ist. Bei Suizidgedanken oder akuten Krisen ruf die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 an oder wende Dich an Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall.
Häufige Fragen zu ADHS ohne Medikamente
Kann ich ADHS komplett ohne Medikamente behandeln?
Das hängt von Deiner Situation ab. Psychoedukation, KVT, Coaching und Lebensstilmassnahmen können ADHS im Alltag spürbar entlasten, und in einer Studie besserten sich Kernsymptome mit KVT auch ohne Medikation (Pan et al., 2019). Für manche reicht das aus, für andere nicht. Lass Dich fachlich begleiten und entscheide gemeinsam, was für Dich passt.
Helfen Nahrungsergänzungsmittel bei ADHS?
Für Omega-3-Fettsäuren gibt es Hinweise auf einen kleinen Effekt, die Übersicht bezieht sich teils auf Studien bei Kindern (Stevenson et al., 2014). Für andere Präparate wie Magnesium, Zink oder pflanzliche Mittel haben wir keine geprüften Belege gefunden. Sie ersetzen keine Therapie. Sprich mit Deiner Ärztin, bevor Du etwas einnimmst, vor allem wenn Du Medikamente nimmst.
Hilft Sport bei ADHS?
Einzelne Bewegungseinheiten können Symptome kurzfristig leicht verringern, für regelmässiges Training ist die Wirkung auf Kernsymptome noch nicht gesichert (Dahlberg et al., 2025). Trotzdem tut Bewegung vielen gut, zum Beispiel zum Abbau von Anspannung. Sie ersetzt aber keine Behandlung. Hilfreich ist, feste Zeiten im Kalender einzuplanen und Aktivitäten zu wählen, die Dir Freude machen.
Wo finde ich in der Schweiz Unterstützung ohne Medikamente?
Mögliche Anlaufstellen sind Deine Hausärztin oder Dein Hausarzt, Fachpersonen für Psychotherapie, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Die ADHS-Organisation elpos bietet eine kostenlose, vertrauliche Beratung und Gesprächsgruppen für Erwachsene an (elpos.ch). Psychotherapie kann bei ärztlicher Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet werden (BAG). Frag auch Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt nach Fachstellen in Deiner Region.
Fazit
ADHS ohne Medikamente zu behandeln ist möglich, wenn es zu Deiner Situation passt und gut begleitet wird. Am besten belegt sind Psychoedukation und kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeit, Bewegung und Ernährung sind eher Ergänzungen. Eine multimodale Therapie verbindet mehrere Bausteine, und die Entscheidung über Medikamente triffst Du zusammen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos, mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Therapie.
Quellen
- Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Pan, M. R. et al. (2019). A comparison of efficacy between cognitive behavioral therapy (CBT) and CBT combined with medication in adults with ADHD. Psychiatry Research, 279, 23-33. sciencedirect.com
- Young, Z., Moghaddam, N. & Tickle, A. (2020). The efficacy of cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Attention Disorders, 24(6). journals.sagepub.com
- Halmøy, A. et al. (2022). Dialectical behavioral therapy-based group treatment versus treatment as usual for adults with attention-deficit hyperactivity disorder: a multicenter randomized controlled trial. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
- Oliva, F. et al. (2021). The efficacy of mindfulness-based interventions in attention-deficit/hyperactivity disorder beyond core symptoms. Journal of Affective Disorders, 292. sciencedirect.com
- Mitchell, J. T., Zylowska, L. & Kollins, S. H. (2015). Mindfulness meditation training for attention-deficit/hyperactivity disorder in adulthood. Cognitive and Behavioral Practice, 22(2), 172-191. sciencedirect.com
- López-Pinar, C. et al. (2020). Efficacy of nonpharmacological treatments on comorbid internalizing symptoms of adults with ADHD: a meta-analytic review. Journal of Attention Disorders, 24(3). journals.sagepub.com
- Dahlberg, M. et al. (2025). The effects of physical activity interventions on the core symptoms of ADHD in adults: a systematic review and meta-analysis. Mental Health and Physical Activity, 29. sciencedirect.com
- Stevenson, J. et al. (2014). The role of diet in the treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder: an appraisal of the evidence on efficacy and recommendations on the design of future studies. European ADHD Guidelines Group. acamh.onlinelibrary.wiley.com
- Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. smf.swisshealthweb.ch
- Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
- elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch