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ADHS-Gruppentherapie für Erwachsene: Vorteile & Inhalte

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde.

Inhaltsverzeichnis

Gruppentherapie bei ADHS: Für viele klingt das zuerst ungewohnt, vielleicht sogar etwas anstrengend. Gleichzeitig beschreiben Betroffene oft eine grosse Erleichterung, wenn sie merken, dass andere ähnliche Erfahrungen machen. In diesem Ratgeber erfährst Du, was eine Gruppentherapie für Erwachsene mit ADHS ist, was Studien zur Wirkung sagen, welche Inhalte typisch sind und wo Du in der Schweiz Angebote und Austausch findest.

Kurz erklärt: Bei einer Gruppentherapie arbeitet eine Fachperson mit mehreren Erwachsenen mit ADHS an Themen wie Alltag, Impulssteuerung, Gefühlen und Selbstwert. Studien zu strukturierten Gruppenprogrammen zeigen Verbesserungen bei ADHS-Symptomen und Alltagsfunktionen, die Datenlage ist aber noch begrenzt, und Gruppen sind nicht in jedem Fall der Einzeltherapie überlegen. Ob eine Gruppe zu Dir passt, hängt von Deinen Zielen und davon ab, wie Du gern lernst.

Was ist Gruppentherapie bei ADHS?

Gruppentherapie ist eine Form von Psychotherapie, bei der mehrere Betroffene gemeinsam unter fachlicher Leitung an bestimmten Themen arbeiten. Das Programm ist meist strukturiert: Es gibt Informationen zu ADHS, Übungen und Aufgaben für den Alltag sowie Raum für Austausch. Die Gruppe selbst ist dabei Teil der Methode, denn Du lernst nicht nur von der Leiterin oder dem Leiter, sondern auch von den Erfahrungen der anderen.

Eine Übersichtsarbeit zu psychoedukativen Gruppen für Erwachsene mit ADHS fand acht Studien aus Europa und den USA mit 27 bis 179 Teilnehmenden. Die Programme dauerten meist 6 bis 12 wöchentliche Sitzungen (Skliarova et al., 2024). Das Swiss Medical Forum nennt kognitive Verhaltenstherapie als Psychotherapie mit der meisten Evidenz bei Erwachsenen, in Einzel- oder Gruppensettings (Swiss Medical Forum, 2022).

Für wen ist eine ADHS-Gruppentherapie geeignet?

Eine junge Frau sitzt mit verschränkten Händen auf einem Sofa, gegenüber eine Person mit Notizblock. Die ruhige Umgebung lässt Raum für Reflexion und Vertrauen. Auch in der Schweiz ist die ADHS-Gruppentherapie oft in kleine Gruppen oder Paargespräche integriert, um individuelle Bedürfnisse besser zu berücksichtigen.

Sie eignet sich für Erwachsene, die gern gemeinsam üben und sich mit anderen austauschen möchten. Sie kann besonders passen, wenn Du:

  • Dich Austausch auf Augenhöhe wünschst
  • von den Strategien anderer Betroffener lernen möchtest
  • Kommunikation und Verhalten im sozialen Kontext üben möchtest
  • Dich in der Einzeltherapie nicht ausreichend verstanden fühlst oder sie ergänzen willst
  • im Beruf oder in der Familie unter Stress stehst und Entlastung suchst

Auch wenn Medikamente allein nicht ausreichen, kann ein Gruppenprogramm helfen: In einer Studie mit medikamentös behandelten Erwachsenen mit Restbeschwerden brachte zusätzliche Gruppen-KVT stärkere Verbesserungen als die Medikation allein (Pan et al., 2024). Wer ADHS ohne Medikamente behandeln möchte, findet in Gruppenprogrammen ebenfalls einen möglichen Baustein, mehr dazu im Beitrag ADHS ohne Medikamente. Nicht für alle ist eine Gruppe das Richtige: Wenn Gruppen Dich stark belasten, kann ein Einzelsetting besser passen, auch das lässt sich mit der Fachperson besprechen.

Welche Inhalte und Programme gibt es?

Die Inhalte unterscheiden sich je nach Anbieter. Typische Bausteine sind:

  • Psychoedukation: verstehen, wie ADHS funktioniert und wie es sich im Alltag zeigt
  • Alltagsstrukturierung: Planungsmethoden, Umgang mit Reizflut, Aufgabenmanagement
  • Impulskontrolle: Techniken, um impulsive Reaktionen zu unterbrechen
  • Soziale Fertigkeiten: Gesprächsführung, Konfliktbewältigung, aktives Zuhören
  • Achtsamkeit und Emotionsregulation: Gefühle früher wahrnehmen und lenken
  • Selbstwert: eigene Stärken erkennen, Selbstkritik abbauen

Dazu kommen oft Rollenspiele, Aufgaben für zu Hause und Entspannungsübungen. Die folgende Tabelle zeigt drei untersuchte Programme.

Programm Studie Ergebnis
DBT-basierte Gruppe, 14 Wochen, 121 Erwachsene, 7 Kliniken in Norwegen Halmøy et al., 2022 Stärkere Besserung von Kernsymptomen, Exekutivfunktionen, Lebensqualität und depressiven Symptomen als bei üblicher Behandlung, nach sechs Monaten stabil
Gruppen-KVT, 12 Wochen, 98 medikamentös behandelte Erwachsene Pan et al., 2024 Stärkere Besserung von Kernsymptomen, Depression und psychischer Lebensqualität als bei Medikation allein, auch nach einem Jahr
Online-Programm mit Psychoedukation und Akzeptanz- und Commitment-Therapie, 6 Sitzungen, 49 Teilnehmende (qualitative Befragung) Seery et al., 2023 Mehr Selbstakzeptanz und Verständnis von ADHS, Gefühl von Zugehörigkeit; manche fanden die Inhalte zu dicht

Welche Vorteile und Grenzen hat eine Gruppentherapie?

Der grösste Vorteil ist der Austausch, eine Grenze ist, dass sie nicht für alle passt. Die Studien zeigen zum Beispiel:

  • Zugehörigkeit: Teilnehmende des Online-Programms beschrieben mehr Selbstakzeptanz, einen weniger „reparaturorientierten“ Blick auf ADHS und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein (Seery et al., 2023).
  • Machbarkeit: In den Programmen der Übersichtsarbeit lag die Teilnahmequote zwischen 66,6 und 100 Prozent, die Abbruchrate zwischen 0 und 27 Prozent, und die Sitzungsbesuche waren überwiegend hoch (Skliarova et al., 2024).
  • Lernen durch Üben: Du kannst Strategien direkt ausprobieren und Rückmeldungen bekommen. Das ist die Idee des Formats, mit eigenen Alltagsbeispielen.

Es gibt aber auch Grenzen. Teilnehmende des Online-Programms fanden das Material teils zu dicht, und ADHS-typische Hürden wie Aufschieben und Konzentrationsprobleme erschwerten die Hausaufgaben (Seery et al., 2023). Bei den Übersichtsdaten blieb offen, wie zufrieden die Teilnehmenden insgesamt waren, weil dies meist nicht erfasst wurde (Skliarova et al., 2024). Und in der Basler Studie wird darauf hingewiesen, dass eine KVT-Gruppe in einer früheren Studie nicht wirksamer war als eine individuelle klinische Betreuung (Corbisiero et al., 2018). Gruppentherapie ist also eine Option, kein Muss. Eine Einordnung im Vergleich bietet der Beitrag ADHS-Therapieformen im Vergleich, und mehr zur KVT steht im Beitrag Verhaltenstherapie bei ADHS.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir zuerst, was Du Dir von einer Gruppe erhoffst und wie Du sonst am liebsten lernst. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass der Austausch mit anderen Betroffenen entlastet, manche empfinden eine Gruppe aber auch als anstrengend. Dann kann ein Einzelsetting besser passen, und beides lässt sich auch ergänzend nutzen.

Wichtig ist uns, dass Aufgaben für zu Hause realistisch bleiben: Aufschieben und Konzentrationsprobleme erschweren genau diese Übungen, und das ist kein Zeichen von mangelndem Willen. Eine Gruppe ersetzt zudem nicht die ärztliche Abklärung, denn dabei schauen wir auch, ob etwa eine Depression oder Angst mitspielt.

Wo findest Du Gruppenangebote in der Schweiz?

Mehrere junge Erwachsene sitzen gemeinsam mit einer Therapeutin im Gesprächskreis. Die Atmosphäre ist ruhig und aufmerksam, alle Teilnehmenden wirken involviert. Die Szene zeigt eine typische ADHS-Gruppentherapie in der Schweiz, bei der Austausch und gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt stehen.

Das Angebot ist je nach Region unterschiedlich. Einige Anlaufstellen:

  • Psychiatrische Kliniken: Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel bieten für die ADHS-Behandlung unter anderem Gruppentherapie an, die speziell für ADHS konzipiert ist (UPK Basel). Fachstellen in Deiner Region findest Du über Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt.
  • elpos: Die ADHS-Organisation bietet Gesprächsgruppen für Erwachsene an, online und vor Ort, ausserdem kostenlose Beratung (elpos.ch).
  • Selbsthilfe Schweiz: Ein Verzeichnis mit Selbsthilfegruppen zu AD(H)S für Betroffene und Angehörige, auch für Frauen, Väter, Akademikerinnen und Akademiker, Paare, Altersgruppen und per Video (selbsthilfeschweiz.ch).

Ob eine Gruppentherapie bei Deinem Anbieter über die Grundversicherung abgerechnet werden kann, klärst Du vorab. Psychologische Psychotherapie ist über die Grundversicherung möglich, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie anordnet (BAG). Mehr zum Ablauf im Beitrag Psychotherapie bei ADHS: Ablauf in der Schweiz.

Was ist der Unterschied zwischen Gruppentherapie und Selbsthilfegruppe?

Eine Gruppentherapie wird von Fachpersonen geleitet und verfolgt therapeutische Ziele, eine Selbsthilfegruppe lebt vom Austausch der Betroffenen untereinander.

Merkmal Gruppentherapie Selbsthilfegruppe
Leitung Fachperson Betroffene organisieren sich selbst
Ziel Therapeutische Veränderung mit strukturiertem Programm Austausch, Unterstützung, Zugehörigkeit

Viele Betroffene nutzen beides, je nachdem, was sie gerade brauchen. Eine Selbsthilfegruppe ersetzt keine Behandlung, kann sie aber gut ergänzen.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Bevor Du Dich für eine Gruppe entscheidest, ist es sinnvoll, abklären zu lassen, ob und welche Diagnose vorliegt und welche Begleitbeschwerden bestehen. Das gilt besonders, wenn Du Dich lange niedergeschlagen, ängstlich oder erschöpft fühlst. Bei Suizidgedanken oder akuten Krisen ruf die Rettung unter 144 oder die Dargebotene Hand unter 143 an oder wende Dich an Deine Hausärztin, Deinen Hausarzt oder den ärztlichen Notfall.

Häufige Fragen zur Gruppentherapie bei ADHS

Wie lange dauert eine ADHS-Gruppentherapie?

Das hängt vom Programm ab. In der Übersichtsarbeit dauerten die Programme meist 6 bis 12 wöchentliche Sitzungen (Skliarova et al., 2024). Eine Gruppen-KVT in einer Studie umfasste 12 Wochen (Pan et al., 2024), ein DBT-basiertes Programm 14 Wochen (Halmøy et al., 2022). Anbieter in der Schweiz können davon abweichen. Frag nach Dauer und Ablauf, bevor Du Dich anmeldest.

Ist Gruppentherapie besser als Einzeltherapie?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Beide Formen haben Stärken: In der Gruppe übst Du mit anderen und erlebst Austausch, in der Einzeltherapie ist mehr Raum für Persönliches. In der Basler Studie wird erwähnt, dass eine KVT-Gruppe in einer früheren Studie nicht wirksamer war als eine individuelle klinische Betreuung (Corbisiero et al., 2018). Ob Gruppe, Einzel oder beides, hängt von Deinen Zielen und Vorlieben ab.

Brauche ich Medikamente für eine Gruppentherapie?

Nein. Gruppenprogramme sind nicht an Medikamente gebunden. In Studien wurden sie teils ergänzend zu einer bestehenden Medikation untersucht, die Autorinnen und Autoren der norwegischen Studie sehen sie als geeignete nicht-medikamentöse Option, besonders ergänzend zu Medikamenten (Halmøy et al., 2022). Setze Medikamente nie eigenständig ab.

Wo finde ich in der Schweiz Austausch mit anderen Betroffenen?

Über elpos, die Gesprächsgruppen für Erwachsene online und vor Ort anbietet (elpos.ch), und über das Verzeichnis von Selbsthilfe Schweiz mit Gruppen für Betroffene, Angehörige und spezielle Zielgruppen (selbsthilfeschweiz.ch). Gruppentherapie bieten zum Beispiel die UPK Basel an (UPK Basel). Frag auch Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt nach Angeboten in Deiner Region.

Fazit

Eine Gruppentherapie kann Dir helfen, ADHS besser zu verstehen, Strategien zu üben und zu erleben, dass Du nicht allein bist. Die Studienlage ist ermutigend, aber noch nicht umfassend, und die beste Wahl ist individuell. Wenn Du wissen möchtest, welche Behandlung zu Dir passen kann, nutze das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam. Mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Therapie.

Quellen

  • Halmøy, A. et al. (2022). Dialectical behavioral therapy-based group treatment versus treatment as usual for adults with attention-deficit hyperactivity disorder: a multicenter randomized controlled trial. BMC Psychiatry. bmcpsychiatry.biomedcentral.com
  • Pan, M. R. et al. (2024). One-year follow-up of the effectiveness and mediators of cognitive behavioural therapy among adults with ADHD: secondary outcomes of a randomised controlled trial. BMC Psychiatry. link.springer.com
  • Skliarova, T. et al. (2024). Psychoeducational group interventions for adults diagnosed with attention-deficit/hyperactivity disorder: a scoping review of feasibility, acceptability, and outcome measures. BMC Psychiatry. PMC11191191
  • Seery, C. et al. (2023). The Understanding and Managing Adult ADHD Programme: a qualitative evaluation of online psychoeducation with acceptance and commitment therapy for adults with ADHD. Journal of Contextual Behavioral Science, 29, 254-263. sciencedirect.com
  • Corbisiero, S. et al. (2018). Randomisierte Studie zu KVT zusätzlich zur Medikation bei Erwachsenen mit ADHS (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel). Frontiers in Psychiatry, 9, 571. frontiersin.org
  • Swiss Medical Forum (2022). Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. smf.swisshealthweb.ch
  • Bundesamt für Gesundheit BAG. Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. bag.admin.ch
  • Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). ADHS bei Erwachsenen. upk.ch
  • elpos Schweiz: Angebote für Erwachsene. elpos.ch
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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