Pflanzliche Mittel, Mikronährstoffe, Homöopathie: Viele Menschen suchen bei ADHS nach sanften Wegen, besonders wenn sie auf Medikamente verzichten möchten oder sich Sorgen um ihr Kind machen. Hier erfährst Du, was naturheilkundliche Methoden bei ADHS können, wo die Studienlage trägt und worauf Du achten solltest. Einen Überblick über die gängigen ADHS-Therapieformen findest Du in einem eigenen Beitrag.
Kurz erklärt: Für keine naturheilkundliche Methode ist bei ADHS eine sichere Wirkung auf die Kernsymptome belegt. Am besten untersucht sind Omega-3-Fettsäuren, die in Meta-Analysen kleine Effekte zeigen. Für Homöopathie fand ein Cochrane-Review keinen Wirksamkeitsnachweis. Naturheilkundliche Mittel ersetzen weder Diagnostik noch Behandlung, und manche, etwa Johanniskraut, können mit anderen Medikamenten wechselwirken.
Was fällt unter Naturheilkunde bei ADHS?
Mit Naturheilkunde sind sehr unterschiedliche Verfahren gemeint, die sich in ihrer Datenlage stark unterscheiden. Dazu zählen:
- Heilpflanzen (Phytotherapie)
- Mikronährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe
- Homöopathie, Bachblüten und Schüssler-Salze
- Bioresonanz und weitere energetische Verfahren
- Entspannungs- und körperorientierte Methoden
Wichtig vorweg: Die Diagnose ADHS sollte fachärztlich gestellt werden, weil ähnliche Beschwerden viele Ursachen haben können. Mehr dazu im Beitrag zur ADHS-Diagnose in der Schweiz.
Helfen Omega-3 und andere Mikronährstoffe bei ADHS?

Omega-3-Fettsäuren können ADHS-Symptome leicht verbessern, der Effekt ist aber klein. Eine Meta-Analyse von 16 randomisierten Studien mit 1408 Teilnehmenden fand bescheidene Verbesserungen, am deutlichsten bei Hyperaktivität nach Einschätzung von Eltern und Lehrpersonen. Zudem waren die Omega-3-Spiegel im Blut bei Menschen mit ADHS im Schnitt niedriger als bei Vergleichspersonen (Hawkey und Nigg, 2014). Eine weitere Übersicht aus dem Jahr 2013 sah für die Gabe freier Fettsäuren ebenfalls nur bescheidene Vorteile (Sonuga-Barke et al., 2013). Mehr zu Omega-3 liest Du im Beitrag zu Omega-3-Fettsäuren bei ADHS.
Auch für ein Vitamin-Mineralstoff-Präparat gibt es erste Hinweise. In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit 80 Erwachsenen über acht Wochen schnitt die Gruppe mit Mikronährstoffen bei ADHS-Symptomen besser ab. Die Autorinnen und Autoren sprechen von vorläufigen Belegen. Eine einzelne kleine Studie reicht nicht für eine allgemeine Empfehlung.
Nahrungsergänzungsmittel sind keine harmlose Selbstverständlichkeit. Ob bei Dir ein Mangel besteht, lässt sich ärztlich klären. Pauschal hochdosierte Präparate nach dem Prinzip «viel hilft viel» sind nicht sinnvoll. Mehr dazu im Beitrag Nahrungsergänzung bei ADHS.
Was ist mit Heilpflanzen?
Für Heilpflanzen reichen die Belege bei ADHS nicht für eine Empfehlung. Eine systematische Übersicht von sieben randomisierten Studien bei Kindern und Jugendlichen mit insgesamt rund 200 Teilnehmenden sah Hinweise auf Nutzen bei einzelnen Pflanzen wie Zitronenmelisse, Bacopa, Kamille und Baldrian, bei Ginkgo und Kiefernrindenextrakt eher bescheidene Vorteile. Die Autorinnen und Autoren halten die Beweislage ausdrücklich für unzureichend, um Heilpflanzen bei ADHS klar zu empfehlen. Die Studien waren klein und uneinheitlich.
Besondere Vorsicht gilt bei Johanniskraut. Für ADHS fehlen ausreichende wissenschaftliche Belege, und Johanniskraut kann mit zahlreichen Medikamenten wechselwirken, zum Beispiel mit der Pille, mit Blutverdünnern oder Antidepressiva. Sprich vor der Einnahme immer mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt oder Deiner Apotheke. In Schwangerschaft und Stillzeit wird von der Einnahme abgeraten.
Aus der Praxis
In der Sprechstunde fragen wir ausdrücklich danach, ob Du Nahrungsergänzungsmittel, Heilpflanzen oder andere Mittel einnimmst, denn manches kann mit Medikamenten wechselwirken, Johanniskraut zum Beispiel. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Betroffene sich einen sanften Weg wünschen, und dieses Anliegen nehmen wir ernst.
Wichtig ist uns, dass Beschwerden zuerst ärztlich eingeordnet werden: Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme können viele Ursachen haben, und ob ein Mangel vorliegt, lässt sich klären, statt ihn zu vermuten. Pauschal hochdosierte Präparate halten wir nicht für sinnvoll. Medikamente setzt Du bitte nicht eigenmächtig ab, sondern sprichst vorher mit uns.
Was gilt für Homöopathie, Bioresonanz und andere Verfahren?
Für Homöopathie ist bei ADHS keine Wirkung belegt. Ein Cochrane-Review mit vier Studien und 168 Teilnehmenden fand keine Hinweise auf Wirksamkeit bei den Kernsymptomen oder verwandten Beschwerden. Die Autoren sprechen von wenig Evidenz und wünschen standardisierte Behandlungsprotokolle, bevor weitere Studien sinnvoll sind.
Für Bioresonanz, Bachblüten, Schüssler-Salze, Aromatherapie, Kinesiologie oder Cranio-Sacral-Therapie haben wir keine belastbaren Studien zur Wirkung bei ADHS gefunden. Das heisst nicht, dass sie nie Entspannung schenken können. Als Behandlung der ADHS selbst lassen sie sich aber nicht empfehlen, und sie sollten keine geprüften Behandlungen ersetzen. Gespräche und Berichte einzelner Familien können motivieren, zeigen aber nicht, dass ein Verfahren wirkt.
Was hilft stattdessen gut belegt im Alltag?

Gut belegte Bausteine sind Psychoedukation, Psychotherapie, Coaching, Bewegung und bei Bedarf Medikamente. Schweizer Übersichten beschreiben Psychoedukation als Grundbaustein jeder Behandlung und kognitive Verhaltenstherapie als die am besten untersuchte Psychotherapie bei Erwachsenen. Die Schweizer Organisation elpos nennt zusätzlich regelmässige körperliche Aktivität: Sie kann Aufmerksamkeit, Stimmung und Impulskontrolle positiv beeinflussen. Bewegung lässt sich gut mit naturheilkundlichen Ideen wie Entspannungsübungen verbinden.
Wie die Bausteine zusammenspielen, erklärt der Beitrag zur multimodalen Therapie. Wenn Du eine strukturierte Psychotherapie suchst, findest Du dort mehr zum Ablauf.
Worauf achtest Du bei naturheilkundlichen Angeboten?
Sprich jedes Mittel vorher mit Deiner Ärztin, Deinem Arzt oder Deiner Apotheke ab. Das gilt besonders, wenn Du bereits Medikamente nimmst, schwanger bist oder Dein Kind behandelst. Weitere Punkte:
- Setze verordnete Medikamente nie eigenständig ab, auch nicht zugunsten eines Naturheilmittels.
- Kombiniere nicht mehrere Präparate gleichzeitig, ohne dass jemand mögliche Wechselwirkungen geprüft hat.
- Sei vorsichtig bei Heilsversprechen oder bei Anbietern, die Schulmedizin pauschal ablehnen.
- Frage nach Ausbildung, Erfahrung und den Kosten, bevor Du beginnst.
- Lass die ADHS-Diagnostik nicht ausfallen, auch wenn Du zuerst «sanft» beginnen möchtest.
Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?
Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn Deine Beschwerden den Alltag belasten, Du Dir nicht sicher bist, ob ADHS die Ursache ist, oder wenn Du Mittel einnehmen möchtest, die mit Medikamenten wechselwirken können. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, starken Ängsten oder Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, solltest Du nicht zuwarten. In akuten Krisen oder bei Suizidgedanken wende Dich sofort an die Notfallnummer 144 oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch Dein Hausarzt oder Deine Hausärztin ist eine gute Anlaufstelle.
Häufige Fragen zu Naturheilkunde bei ADHS
Hilft Homöopathie bei ADHS?
Dafür gibt es keinen Beleg. Ein Cochrane-Review mit vier Studien fand keine Hinweise darauf, dass Homöopathie die Kernsymptome verbessert. Wenn Du Homöopathie ergänzend nutzen möchtest, verzichte nicht auf Diagnostik und geprüfte Behandlungen und sprich mit Deinem Behandlungsteam darüber, damit nichts Wichtiges liegen bleibt.
Welche Naturheilmittel helfen am ehesten?
Am besten untersucht sind Omega-3-Fettsäuren, mit kleinen Effekten in Meta-Analysen. Für Heilpflanzen und Mikronährstoffpräparate gibt es vereinzelt Hinweise, aber keine Empfehlung. Sprich jedes Mittel vorher mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt ab, damit Wechselwirkungen und mögliche Mängel geprüft werden. Nimm nicht mehrere Präparate gleichzeitig, ohne dass jemand die Kombination angesehen hat.
Kann ich Medikamente durch Pflanzen ersetzen?
Nein. Für pflanzliche Mittel ist bei ADHS keine ausreichende Wirkung belegt. Setze verordnete Medikamente nie eigenständig ab. Wenn Du Medikamente nicht vertragen oder nicht nehmen möchtest, besprich Alternativen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Es gibt Wege ohne Medikamente, die besser belegt sind.
Woher weiss ich, ob mir Nährstoffe fehlen?
Das lässt sich nur durch eine Untersuchung klären, zum Beispiel mit einem Bluttest bei Deiner Hausärztin oder Deinem Hausarzt. Ein Mangel sollte gezielt behandelt werden. Einnahme auf Verdacht oder in hoher Menge ist nicht sinnvoll. Dosierungen legen Ärztin, Arzt oder Apotheke individuell fest.
Fazit: Naturheilkunde als Ergänzung, nicht als Ersatz
Naturheilkundliche Ansätze können Dir ein gutes Gefühl geben und im Alltag entlasten, ersetzen aber keine Diagnostik und keine geprüfte Behandlung. Am besten belegt sind Omega-3-Fettsäuren mit kleinen Effekten, bei Homöopathie und vielen anderen Verfahren fehlt der Nachweis. Wenn Du Dir eine fachliche Einordnung wünschst, steht Dir bei klaro ADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich und Biel, geeignete Termine auch per Video. Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr dazu findest Du bei unserer ADHS-Therapie.
Quellen
- Hawkey, E. & Nigg, J. T. (2014). Omega-3 fatty acid and ADHD: blood level analysis and meta-analytic extension of supplementation trials. Clinical Psychology Review, 34(6), 496-505. sciencedirect.com
- Sonuga-Barke, E. J. S. et al. (2013). Nonpharmacological interventions for ADHD: systematic review and meta-analyses of randomized controlled trials of dietary and psychological treatments. American Journal of Psychiatry, 170, 275-289. ncbi.nlm.nih.gov
- Rucklidge, J. J., Frampton, C. M., Gorman, B. & Boggis, A. (2014). Vitamin-mineral treatment of attention-deficit hyperactivity disorder in adults: double-blind randomised placebo-controlled trial. British Journal of Psychiatry, 204(4). cambridge.org
- Dutta, S. et al. (2022). Phytotherapy for ADHD: systematic review. Frontiers in Pharmacology. frontiersin.org
- Heirs, M. & Dean, M. E. (2007). Homeopathy for attention deficit/hyperactivity disorder or hyperkinetic disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews. cochrane.org
- MSD Manual, Ausgabe für Patienten: Johanniskraut. msdmanuals.com
- Schneider, M. & Folmert, A. (2023). Pharmakotherapie und Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter. Psychiatrie + Neurologie. rosenfluh.ch
- elpos Schweiz: Therapie bei ADHS. elpos.ch