Wenn jemand, den Du liebst, ADHS hat, bist Du selbst mitbetroffen. Partnerinnen und Partner, Eltern, Geschwister und enge Freunde erinnern oft an Termine, vermitteln bei Konflikten, helfen beim Strukturieren und fangen schwierige Momente auf. Das ist wertvoll, kann aber auch anstrengend sein. In diesem Ratgeber erfährst Du, wie Du unterstützen kannst, ohne Dich selbst zu verlieren. Wenn Du Dich eher für das Familienleben als Ganzes interessierst, findest Du mehr im Ratgeber ADHS und Familie. Hier geht es darum, was Du als Angehörige:r konkret tun kannst.
Kurz erklärt: Als Angehörige:r hilfst Du am meisten, wenn Du ADHS als Schwierigkeit der Selbststeuerung verstehst und nicht als Willensschwäche, wenn Du klar und ruhig kommunizierst, bei Struktur unterstützt ohne zu kontrollieren, die Therapie begleitest und gut auf Deine eigenen Grenzen achtest. Entscheidend ist ein Miteinander auf Augenhöhe: Die Verantwortung bleibt bei der betroffenen Person.
Warum sind auch Angehörige betroffen?
Weil ADHS das Zusammenleben beeinflusst, nicht nur den Alltag der betroffenen Person. Eine Übersichtsarbeit, die 125 Reviews zusammenfasst, nennt Beziehungsprobleme als eines der mit ADHS verbundenen Themen (French et al., 2024). Das heisst nicht, dass Beziehungen mit ADHS scheitern müssen. Es zeigt aber, dass Verständnis und gute Absprachen im Umfeld einen Unterschied machen können.
Auch die Fachwelt nimmt Angehörige ernst. Das britische NICE empfiehlt, Familien oder Betreuungspersonen zu fragen, wie sich ADHS auf sie und andere Familienmitglieder auswirkt. Angehörige sollen zudem ermutigt werden, ihren eigenen Unterstützungsbedarf prüfen zu lassen und Selbsthilfegruppen zu nutzen (NICE, 2018). Der europäische Konsens zur ADHS bei Erwachsenen nennt Psychoedukation als ersten Schritt der Behandlung. Teilnehmende strukturierter Programme gewannen Wissen über ADHS und konnten die Qualität ihrer Beziehungen verbessern (Kooij et al., 2019).
Welche Haltungen helfen im Umgang mit ADHS?
Eine Haltung aus Verständnis und Klarheit hilft am meisten. ADHS ist keine Frage von Disziplin oder gutem Willen. Verhaltensweisen wie Vergessen, Unruhe oder Gereiztheit sind meist keine bewusste Entscheidung. Statt zu fragen «Warum machst Du das?», kannst Du fragen: «Was macht es Dir gerade schwer?» Diese Haltungen können den Alltag mit ADHS erleichtern:
- Geduld: Veränderungen brauchen oft mehr Zeit als erwartet, und Rückschritte gehören dazu.
- Empathie: Hinter Reizbarkeit, Vermeidung oder Rückzug stecken oft Erschöpfung oder Überforderung.
- Humor: Wer über kleine Pannen gemeinsam lachen kann, entschärft Spannungen. Gemeint ist ein Lachen mit der Person, nicht über sie.
- Klare Grenzen: Unterstützung ist wichtig, aber nicht auf Kosten Deiner Gesundheit. Ein freundliches «Nein» ist erlaubt.
- Akzeptanz statt Perfektion: Ziel ist nicht, dass alles reibungslos läuft, sondern dass ihr Wege findet, die zu euch passen.
- Offenheit und Wissen: Je mehr Du über ADHS weisst, desto leichter fällt es, Verhalten einzuordnen. Ein offener Austausch über Auslöser und Bedürfnisse beugt Missverständnissen vor.

Wie kannst Du als Angehörige:r konkret unterstützen?
Mit kleinen, konkreten Schritten, die die Selbstständigkeit der betroffenen Person respektieren. Diese sechs Wege sind Ideen zum Ausprobieren und keine Rezepte. Was passt, ist von Person zu Person verschieden.
1. Informiere Dich über ADHS
Wissen schafft Verständnis. Je besser Du ADHS kennst, desto leichter ordnest Du Verhalten ein, gerade in stressigen Momenten.
- Lies verlässliche Bücher oder Ratgeber zu ADHS im Erwachsenenalter.
- Hör Dir Podcasts oder Interviews mit Betroffenen und Fachpersonen an.
- Nutze Online-Angebote und digitale Therapieformen, um zu verstehen, wie Behandlung aussehen kann.
- Tausch Dich mit anderen Angehörigen aus. Das entlastet und liefert oft praktische Tipps.
2. Kommuniziere klar, direkt und ruhig
- Verwende Ich-Botschaften, um Gefühle auszudrücken, ohne Vorwürfe zu machen.
- Wähle ruhige Momente für wichtige Gespräche, nicht mitten im Streit oder unter Zeitdruck.
- Wiederhole wichtige Informationen freundlich, ohne belehrend zu klingen.
- Sei konkret: Vage Andeutungen oder Ironie führen oft zu Unsicherheit oder Rückzug.
Ein Beispiel: «Mir ist Pünktlichkeit bei unseren Treffen wichtig. Was würde Dir helfen, daran zu denken?»
3. Hilf bei der Struktur, ohne zu kontrollieren
Unterstützung ist willkommen, solange sie nicht entmündigend wirkt. Die Autonomie bleibt bei der betroffenen Person: Ziel ist Entlastung, nicht Kontrolle.
- Nutzt einen gemeinsamen Kalender oder einen sichtbaren Wochenplan.
- Hilf beim Priorisieren von Aufgaben, ohne alles zu übernehmen.
- Entwickelt zusammen kleine Routinen für wiederkehrende Abläufe.
- Wählt Hilfsmittel wie Whiteboard, Wecker oder Wochenplaner gemeinsam aus.

4. Erinnere sanft, statt zu drängen
Vergessen ist bei ADHS meist keine Frage von Faulheit oder Desinteresse. Druck verschärft die Situation oft eher.
- Formuliere Erinnerungen neutral und freundlich, zum Beispiel mit einem gemeinsamen Erinnerungssignal oder einem Zettel an der Tür.
- Bleib sachlich. Kritik in scharfem Ton führt meist zu Rückzug oder Verteidigung.
- Verbinde die Erinnerung mit dem Ziel: «Wollen wir uns vorher noch einen Wecker stellen, damit wir den Arzttermin nicht verpassen?»
- Vereinbart gemeinsam im Voraus, was passiert, wenn etwas nicht klappt, statt im Moment mit Enttäuschung zu reagieren.
5. Unterstütze die Therapie
Psychotherapie, Coaching oder eine medikamentöse Behandlung können entlasten. Der Weg dorthin ist aber oft mit Zweifeln verbunden. Du kannst helfen, ohne zum Therapeuten oder zur Therapeutin zu werden.
- Schlage ein Erstgespräch vor oder begleite zur ersten Sitzung, wenn das gewünscht ist.
- Recherchiert gemeinsam Angebote. Einen Überblick über das Umfeld liefert der Beitrag ADHS und Schweizer Gesellschaft. Wie wir Psychotherapie verstehen, steht unter Warum wir bei klaro ADHS anders arbeiten.
- Hilf bei organisatorischen Dingen wie Formularen oder Rückfragen bei der Krankenkasse.
- Interessiere Dich für den Prozess, ohne Ergebnisse zu bewerten. Frag lieber «Wie war die Sitzung für Dich?» als «Hat es was gebracht?».
- Entscheidungen über Medikamente trifft die betroffene Person gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt. Dränge nie dazu, Medikamente zu ändern oder abzusetzen.
6. Schütze Deine eigenen Grenzen
Unterstützen heisst nicht, sich selbst zu vernachlässigen. Gerade bei längerer Belastung ist Selbstfürsorge wichtig, auch für die Beziehung.
- Frag Dich regelmässig: Helfe ich, oder kompensiere ich dauerhaft?
- Plane bewusst Zeit nur für Dich ein: Spaziergänge, Hobbys, Gespräche mit Freundinnen und Freunden.
- Sprich offen über Deine Gefühle, ohne Schuldzuweisungen. Ein Beispiel: «Ich bin für Dich da, aber heute brauche ich einen Abend für mich.»
- Hol Dir selbst Unterstützung, wenn Dir die Kraft ausgeht (siehe unten).
Aus der Praxis
Wenn Angehörige mitkommen oder berichten, kann das für die Abklärung hilfreich sein, weil sie Verhalten über Jahre erleben und Dinge sehen, die Betroffenen selbst entgehen. Gleichzeitig gilt die ärztliche Schweigepflicht: Was in der Sprechstunde besprochen wird, geben wir nur mit Einverständnis der betroffenen Person weiter.
Wichtig ist uns, dass die Verantwortung bei der betroffenen Person bleibt. Häufig zeigt sich, dass Angehörige viel auffangen, an Termine erinnern und Konflikte glätten, und dabei selbst erschöpfen. Wenn Dir das zu viel wird, ist es berechtigt, Dir eigene Unterstützung zu holen, etwa über Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Das ist kein Rückzug, sondern kann auch der Beziehung helfen.
Was solltest Du als Angehörige:r eher vermeiden?
Du möchtest helfen, und manches davon wirkt gut gemeint, aber ungünstig. Die folgende Übersicht stellt Gegenüberstellungen dar, die sich aus den beschriebenen Grundhaltungen ergeben.
| Gut gemeint, aber wenig hilfreich | Hilfreicher |
|---|---|
| Dauerhaft Aufgaben übernehmen und Probleme lösen | Gemeinsam Strukturen entwickeln, die die Person selbst nutzen kann |
| Ständige Kritik und Kontrolle | Konstruktiv begleiten, ruhig und auf Augenhöhe sprechen |
| Verharmlosen («Reiss Dich zusammen», «So schlimm ist das nicht») | Schwierigkeiten ernst nehmen und nachfragen, was gerade schwerfällt |
| Eigene Bedürfnisse zurückstellen, bis nichts mehr geht | Pausen, soziale Kontakte und bei Bedarf eigene Beratung einplanen |

Wer dauerhaft alles abnimmt, nimmt der betroffenen Person die Chance, eigene Strategien zu entwickeln. Wer ständig kritisiert, verstärkt oft ohnehin vorhandene Selbstzweifel. Mehr dazu im Beitrag zum Umgang mit ADHS in der Partnerschaft.
Wo finden Angehörige in der Schweiz Unterstützung?
Bei Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die sich auch an Angehörige richten. Die folgende Auswahl ist ein Anfang:
- elpos Schweiz bietet nach eigenen Angaben kostenlose, vertrauliche ADHS-Beratung per Telefon, E-Mail und Videocall für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen sowie Gesprächsgruppen.
- Selbsthilfe Schweiz führt eine Liste von Gruppen zu ADHS, darunter auch Gruppen für Eltern und Online-Angebote.
- Pro Mente Sana bietet kostenlose Beratung zu psychosozialen und rechtlichen Fragen, auch für Angehörige und Nahestehende (Telefon 0848 800 858).
- Stand by You Schweiz (bis 2024 VASK) ist der Dachverband der Vereinigungen von Angehörigen psychisch Erkrankter.
Wann ist ärztliche Hilfe sinnvoll?
Wenn Du bemerkst, dass die Person über längere Zeit stark leidet, oder wenn Du selbst an Deine Grenzen kommst. Eine Abklärung kann Klarheit bringen. Eine Diagnose stellt nur eine Fachperson. Besteht ein Verdacht auf ADHS, kann eine fachärztliche Abklärung sinnvoll sein.
Äussert die Person Suizidgedanken oder befindet sie sich in einer akuten Krise, nimm das ernst und sprich offen darüber. Wähle die 144 (Rettung) oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch die Hausarztpraxis oder der Notfall sind Anlaufstellen. Die Dargebotene Hand ist auch für Dich da, wenn Du als Angehörige:r erschöpft bist.
Häufige Fragen zu ADHS und Angehörigen
Wie spreche ich jemanden an, bei dem ich ADHS vermute?
Ruhig, konkret und ohne Diagnose. Beschreibe, was Du beobachtest und wie es Dir damit geht, zum Beispiel: «Mir fällt auf, dass Dich das Organisieren sehr anstrengt. Wollen wir gemeinsam schauen, was helfen könnte?» Stell keine Etiketten in den Raum. Ob ADHS dahintersteckt, kann nur eine ärztliche Abklärung beurteilen.
Wie viel sollte ich übernehmen?
So viel, wie beiden guttut, und so wenig, dass die Person eigene Kompetenzen aufbauen kann. Eine Faustregel: Hilf beim Aufbau von Strukturen, aber übernimm nicht dauerhaft Aufgaben. Wenn Du merkst, dass Du ständig kompensierst, ist das ein Zeichen, Absprachen neu zu treffen oder Unterstützung zu holen.
Kann ich zum Arzttermin mitkommen?
Wenn die betroffene Person es möchte, ja. In der Abklärung sind Auskünfte von Angehörigen laut europäischen Empfehlungen eine wertvolle Ergänzung, wenn sie verfügbar sind (Kooij et al., 2019). Ärztinnen und Ärzte unterliegen der Schweigepflicht. Was besprochen wird, entscheidet die Person selbst.
Was, wenn ich selbst erschöpft bin?
Dann ist es Zeit, Entlastung zu organisieren. Sprich mit Freundinnen oder Freunden, nutze eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe und gönn Dir Pausen. Fachleute empfehlen, dass Angehörige ihren eigenen Unterstützungsbedarf prüfen lassen und Selbsthilfegruppen nutzen (NICE, 2018). Du darfst Hilfe annehmen, und das hilft am Ende auch der Person, die Du unterstützt.
Fazit
Du musst nicht perfekt sein. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen, sondern um Offenheit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Verständnis statt Kontrolle, Zuhören statt Bewerten, Stärken sehen und gut für Dich selbst sorgen: Das sind die Grundlagen. Möchtest Du Dich oder die Person, die Du begleitest, zur Behandlung informieren, findest Du Antworten auf der Seite zur ADHS-Therapie. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.
Quellen
- French B. et al. (2024): The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
- Kooij J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- NICE (2018, aktualisiert 2019): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87), Empfehlungen 1.4.4, 1.4.6, 1.4.7, 1.9.4. nice.org.uk
- elpos Schweiz: Angebot (Beratung und Gesprächsgruppen). elpos.ch
- Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch
- Pro Mente Sana: Beratung. promentesana.ch
- Stand by You Schweiz (ehemals VASK). stand-by-you.ch
- Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und E-Mail. 143.ch