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ADHS & Familie: Wie Angehörige helfen können

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Wenn ein Familienmitglied ADHS hat, merkt das oft die ganze Familie: im Morgenstress, bei Hausaufgaben, bei verpassten Absprachen oder bei Streit, der scheinbar aus dem Nichts entsteht. Das ist anstrengend, aber Du bist damit nicht allein, und es gibt viel, was Angehörige tun können. In diesem Ratgeber erfährst Du, wie Verständnis entsteht, wie Kommunikation und Struktur im Familienalltag helfen und wo Du als Angehörige oder Angehöriger selbst Entlastung findest.

Kurz erklärt: Angehörige unterstützen bei ADHS am besten durch Wissen über die Störung, ruhige und klare Kommunikation, verlässliche Strukturen und durch Entlastung für sich selbst. Verhalten, das nervt, ist meist kein böser Wille, sondern gehört zu den Symptomen. Einbezogen zu werden kann für die Behandlung hilfreich sein, ersetzt aber nie die ärztliche Abklärung und Behandlung der betroffenen Person.

Warum betrifft ADHS die ganze Familie?

Weil ADHS den gemeinsamen Alltag prägt und weil sie in Familien gehäuft vorkommt. Die Veranlagung spielt eine grosse Rolle: Eine Übersichtsarbeit nennt für ADHS Schätzungen der Erblichkeit von 75 bis 90 Prozent im Kindesalter. Bei Erwachsenen liegen die Schätzungen je nach Messmethode tiefer, erreichen aber 70 bis 80 Prozent, wenn klinische Diagnosen oder mehrere Beurteilende herangezogen werden (Brikell et al., 2019). Mehr zu diesem Thema findest Du im Beitrag ADHS in der Familie: Ist es vererbbar?. Das kann bedeuten, dass mehrere Familienmitglieder betroffen sind, auch Erwachsene, bei denen es nie abgeklärt wurde.

Wichtig für Eltern: ADHS ist keine Folge schlechter Erziehung. In einer norwegischen Familienstudie mit fast 20 000 Eltern-Kind-Gruppen erklärte vor allem die genetische Weitergabe den Zusammenhang zwischen elterlichen Merkmalen und ADHS-Symptomen beim Kind. Hinweise auf einen Einfluss des familiären Umfelds fanden sich nur für ein einziges Elternmerkmal (Pingault et al., 2022). Der Umgang miteinander kann den Alltag und das Befinden aber durchaus beeinflussen, dazu unten mehr.

Wie können Angehörige ADHS besser verstehen?

Am besten durch verlässliche Information und Austausch. Der europäische Konsens zur Behandlung von ADHS bei Erwachsenen nennt Psychoedukation als ersten Schritt. Er empfiehlt, Partnerinnen, Partner, Familie und enge Bezugspersonen nach Möglichkeit einzubeziehen. Das kann dysfunktionale Interaktionen und Stigmatisierung verringern (Kooij et al., 2019). Wutausbrüche, Vergesslichkeit oder starke Gefühle sind dann besser einzuordnen. Hintergründe dazu bietet der Beitrag zur emotionalen Dysregulation bei ADHS.

Anlaufstellen in der Schweiz:

  • elpos: Der Verein berät Betroffene und Angehörige kostenlos und vertraulich per Telefon, E-Mail und Video, bietet Gesprächsgruppen und Kurse an und stellt Materialien für Alltag, Schule und Arbeitsplatz bereit.
  • Selbsthilfe Schweiz: Das Verzeichnis führt Gruppen zu AD(H)S, darunter Elterngruppen, Gruppen für Partnerinnen und Partner und Online-Gruppen.
  • Kinderärztin, Hausarzt oder Fachstellen: Sie können erste Fragen klären und weitervermitteln.

Weitere Anregungen für Angehörige findest Du im Beitrag Angehörige unterstützen bei ADHS.

Wie gelingt der Familienalltag: Kommunikation und Struktur?

Kommunikation ohne Vorwürfe

Ein Paar hält mit seinem Kind an der Hand inne und blickt aufs Meer hinaus. Das Bild symbolisiert den Wunsch nach Balance und Ruhe im Familienalltag.

Mit kurzen, klaren Sätzen, einem ruhigen Ton und Anerkennung statt Dauerkritik. Eine kleine Studie mit 98 Eltern und 40 Kindern mit ADHS (6 bis 12 Jahre) fand, dass elterliche Kritik und Ablehnung mit mehr Aufmerksamkeitsproblemen, Ängsten und Schwierigkeiten bei der Gefühlsregulation zusammenhingen, während Wärme und Gesprächsbereitschaft aus Sicht der Kinder vor Problemen bei der Gefühlsregulation schützten (Cueli et al., 2024). Solche Zusammenhänge sagen nichts über Ursache und Wirkung: Ein Kind, das mehr Probleme hat, löst vielleicht auch mehr Kritik aus. Sie zeigen aber, wie wichtig ein warmer Ton ist.

Was im Alltag oft hilft:

  • kurze, klare Anweisungen statt langer Erklärungen
  • wichtige Dinge freundlich wiederholen und mehr Zeit zum Antworten geben
  • Ich-Botschaften nutzen, etwa «Ich mache mir Sorgen, wenn…»
  • positives Verhalten gezielt benennen
  • bei Streit eine Pause vereinbaren und später weiterreden
Statt Besser
«Nie hörst Du zu!» «Ich möchte, dass wir das kurz klären. Schaust Du mich dazu an?»
«Warum hast Du das schon wieder vergessen?» «Was würde Dir helfen, daran zu denken?»
«Räum endlich auf!» «Fangen wir mit dem Tisch an. Danach gehen wir weiter.»

Das sind Beispiele für den Ton, keine fertigen Rezepte. Wenn Familienmitglieder ähnliche Regeln anwenden, etwa auch Grosseltern oder getrennt lebende Eltern, wird es für alle einfacher.

Struktur im Familienalltag

Mit festen, sichtbaren Abläufen, die Orientierung geben und nicht zum Zwang werden. Wiederkehrende Zeiten für Mahlzeiten, Hausaufgaben und Schlaf, ein Wochenplan für alle, Vorwarnzeit bei Übergängen (etwa vom Spielen zum Abendessen) und Checklisten für Morgen- und Abendroutinen sind typische Bausteine. Planen und Priorisieren lassen sich zudem gut gemeinsam üben, siehe Zeitmanagement bei ADHS und ADHS und To-do-Listen. Eine ruhige, aufgeräumte Umgebung entlastet, Anregungen gibt der Beitrag Ordnung halten mit ADHS.

Halte die Struktur flexibel. Sie soll helfen, nicht kontrollieren. Frage die betroffene Person, was ihr guttut, und passe die Abläufe gemeinsam an.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde fragen wir, wie der Alltag zu Hause konkret aussieht und was die Familie am meisten belastet. Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Verhalten, das als Desinteresse oder böser Wille erlebt wird, zu den Symptomen gehört und sich nicht gegen jemanden richtet. Wichtig ist uns, dass Eltern keine Schuldgefühle tragen müssen: ADHS ist keine Folge von Erziehung.

Bei Erwachsenen beziehen wir Partnerin, Partner oder Familie gerne ein, wenn die betroffene Person das möchte. Bei Kindern gehören Abklärung und Behandlung in die Hände von Kinderärztin oder Kinderarzt und der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was brauchen Eltern und Angehörige?

Eltern von Kindern mit ADHS

Eine Familie spaziert barfuss am Strand entlang, im Hintergrund leuchtet eine Küstenstadt in der Abendsonne. Gemeinsame ruhige Momente stärken das Miteinander.

Vor allem Ruhe, Rückhalt und ein klares ärztliches Vorgehen. Als Elternteil musst Du nicht alles allein tragen: Eine Abklärung und die Entscheidung über Behandlungen gehören in die Hände von Fachpersonen, in der Regel der Kinderärztin oder des Kinderarztes und von Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Alltag können diese Punkte helfen:

  • nicht alles persönlich nehmen: Das Verhalten richtet sich selten gegen Dich
  • Grenzen setzen, aber klar und freundlich
  • durchatmen, bevor Du reagierst
  • kleine, ungestörte gemeinsame Zeit ohne Erwartungen, zum Beispiel zehn Minuten am Tag
  • als Elternpaar möglichst einig bleiben und sich abstimmen

Mehr Anregungen für die Betreuung im Schweizer Alltag gibt der Beitrag ADHS und Kinderbetreuung.

Selbstfürsorge für Angehörige

Indem sie Hilfe annehmen, bevor die Kräfte aufgebraucht sind. Das ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung dafür, langfristig da sein zu können. Mögliche Wege sind der Austausch mit anderen in Selbsthilfegruppen, Beratung bei elpos oder bei Fachpersonen, Entlastung durch Grosseltern, Freunde oder betreute Freizeitangebote und feste Auszeiten für Dich selbst. Ein «Familientagebuch» kann helfen, Fortschritte und Belastungen sichtbar zu machen. Wenn es in der Partnerschaft knirscht, findest Du Anregungen im Beitrag ADHS in der Partnerschaft.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Du den Verdacht hast, dass jemand in Deiner Familie ADHS haben könnte, wenn die Belastung im Alltag dauerhaft hoch ist oder wenn zusätzlich Ängste, Niedergeschlagenheit, Schlafprobleme oder Schulprobleme auftreten. Bei Kindern ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt die erste Anlaufstelle, bei Erwachsenen die Hausärztin, der Hausarzt oder eine Fachperson für ADHS. Bei akuten Krisen oder Suizidgedanken in der Familie suche sofort Hilfe: Rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand.

Häufige Fragen zu ADHS und Familie

Ist ADHS meine Schuld als Elternteil?

Nein. Die Veranlagung spielt bei ADHS eine grosse Rolle, und in einer grossen Familienstudie erklärte vor allem die genetische Weitergabe die Zusammenhänge zwischen Eltern und Kindern. Der Umgang zu Hause kann den Alltag zwar beeinflussen, gilt aber nicht als Ursache der ADHS.

Wie reagiere ich bei Wutausbrüchen?

Bleibe ruhig, und versuche zunächst, die Situation zu entschärfen: wenig sprechen, Reize reduzieren, Abstand geben. Gespräche über das Geschehene folgen später, wenn sich alle beruhigt haben. Wiederholen sich Ausbrüche oder sind sie sehr heftig, besprich das mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt.

Wo finden Angehörige Unterstützung in der Schweiz?

Bei elpos gibt es kostenlose und vertrauliche Beratung für Betroffene und Angehörige. Selbsthilfe Schweiz führt ein Verzeichnis von Gruppen zu AD(H)S, darunter Elterngruppen, Gruppen für Partnerinnen und Partner sowie Online-Gruppen. Auch Hausärzte, Kinderärzte und Beratungsstellen können weiterhelfen.

Können Angehörige in die Behandlung einbezogen werden?

Ja, das ist bei Erwachsenen ausdrücklich erwünscht, wenn die betroffene Person es möchte. Der europäische Konsens empfiehlt, Partner, Familie oder enge Bezugspersonen nach Möglichkeit einzubeziehen. Sprich das in der Behandlung an.

Fazit: Unterstützung beginnt mit Verständnis

Familienleben mit ADHS ist anspruchsvoll, aber gut gestaltbar. Wissen, ein warmer Ton, verlässliche Strukturen und Hilfe von aussen entlasten alle. Niemand muss diesen Weg allein gehen.

Wenn Du Dir oder einem Familienmitglied Klarheit wünschst, steht Dir bei klaro ADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich und Biel, geeignete Termine auch per Video. Die Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr zum Vorgehen findest Du bei unserer ADHS-Abklärung und ADHS-Therapie.

Quellen

  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. doi.org
  • Brikell, I., Kuja-Halkola, R. & Larsson, H. (2019). Heritability of attention-deficit hyperactivity disorder across the lifespan. European Neuropsychopharmacology, 29, Supplement 3. sciencedirect.com
  • Pingault, J.-B. et al. (2022). Genetic nurture versus genetic transmission of risk for ADHD traits in the Norwegian Mother, Father and Child Cohort Study. Molecular Psychiatry. nature.com
  • Cueli, M. et al. (2024). The impact of children’s and parents‘ perceptions of parenting styles on attention, hyperactivity, anxiety, and emotional regulation. Children, 11(3), 313. mdpi.com
  • elpos Schweiz, ADHS-Organisation: Angebote. elpos.ch
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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