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ADHS-Medikamente: Wirkung, Risiken & Mythen

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Sein Schwerpunkt ist die medikamentöse ADHS-Behandlung bei Erwachsenen.

Inhaltsverzeichnis

Medikamente sind für viele Menschen mit ADHS ein wichtiger Teil der Behandlung, und gleichzeitig gibt es viele Fragen und Vorbehalte: Wie wirken sie? Machen sie abhängig? Was gilt in der Schweiz? In diesem Ratgeber findest Du einen Überblick über die Wirkstoffe, ihre Wirkung, Nebenwirkungen und die Regeln bei der Verschreibung. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, hilft Dir aber, Dich auf das Gespräch vorzubereiten.

Kurz erklärt: In der Schweiz werden bei ADHS vor allem Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin) und das nicht stimulierende Atomoxetin eingesetzt, Guanfacin ist nur bis 18 Jahre zugelassen. Die Medikamente lindern Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und innere Unruhe, sie heilen ADHS aber nicht. Bei Erwachsenen ist die Wirkung auf die Kernsymptome für Stimulanzien und Atomoxetin kurzfristig gut belegt, Daten über längere Zeiträume sind dagegen begrenzt. Nebenwirkungen sind häufig, meist aber mild bis moderat und oft mit Dosis- oder Präparatwechsel gut zu handhaben. Blutdruck und Puls werden regelmässig kontrolliert. Verschrieben werden die Medikamente nach einer fachärztlichen Abklärung, und für einige Präparate gelten besondere Regeln der Kostenübernahme.

Welche ADHS-Medikamente gibt es in der Schweiz?

Es gibt zwei Gruppen: Stimulanzien und nicht stimulierende Wirkstoffe. Stimulanzien beeinflussen den Dopamin- und Noradrenalin-Stoffwechsel und werden in der Schweiz am häufigsten eingesetzt. Nicht stimulierende Wirkstoffe kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn Stimulanzien nicht infrage kommen oder nicht genug wirken. Die folgende Übersicht fasst die Angaben aus dem Schweizer Arzneimittel-Kompendium und dem Swiss Medical Forum zusammen. Sie ersetzt nicht die Fachinformation Deines Präparats.

Wirkstoff (Beispiele) Gruppe Hinweise für die Schweiz
Methylphenidat (z. B. Ritalin, Concerta, Medikinet, Generika) Stimulans Nur ein Teil der Präparate ist auch im Erwachsenenalter zugelassen. Ritalin ist für ADHS bei 6 bis 18 Jahren aufgeführt, Concerta und Medikinet MR für 6 bis 65 Jahre. Für die Kostenübernahme von Concerta müssen bei Erwachsenen die Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben.
Lisdexamfetamin (Elvanse) Stimulans Vorgesehen bei seit der Kindheit bestehender ADHS, wenn Methylphenidat nicht ausreichend wirkt. Die Kosten werden nur in dieser Zweitlinie übernommen.
Atomoxetin (z. B. Atomoxetin Mepha) Nicht stimulierend Für 18 bis 50 Jahre bei seit der Kindheit bestehender ADHS, wenn Stimulanzien nicht infrage kommen oder nicht genügend wirken.
Guanfacin Nicht stimulierend Nur bis 18 Jahre zugelassen.

Die Reihenfolge ist je nach Land und Leitlinie nicht überall gleich. Die englische NICE-Leitlinie empfiehlt bei Erwachsenen Lisdexamfetamin oder Methylphenidat als erste Wahl (NICE NG87), die deutsche S3-Leitlinie von 2026 bei ADHS ohne relevante Begleiterkrankungen zunächst Stimulanzien (AWMF, 2026). Eine Netzwerk-Metaanalyse fand bei Erwachsenen, dass Amphetamine, Methylphenidat und Atomoxetin in der ärztlichen Beurteilung besser abschnitten als Placebo, und sprach sich für Amphetamine als bevorzugte Wahl bei Erwachsenen aus (Cortese et al., 2018). Eine neuere Netzwerk-Metaanalyse fand für Stimulanzien und Atomoxetin kurzfristig einen Nutzen sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdeinschätzung der Symptome (Ostinelli et al., 2025). In der Schweiz ist Lisdexamfetamin laut Spezialitätenliste dagegen nach Methylphenidat vorgesehen (Compendium.ch). Welches Präparat bei Dir infrage kommt, entscheidet Deine Fachärztin oder Dein Facharzt.

Drei runde, weisse Tabletten liegen nebeneinander auf einem intensiven roten Hintergrund. Die Bruchkerbe in der Mitte der Tabletten steht symbolisch für individuell anpassbare Dosierungen. Das Bild vermittelt eine klare, reduzierte Darstellung medikamentöser ADHS-Therapie.

Wie wirken ADHS-Medikamente?

Sie dämpfen Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe und können Dir helfen, Dich besser zu steuern. Beim Swiss Medical Forum heisst es, dass die Wirkung der Stimulanzien rasch einsetzt, aber am Abend nachlässt (Swiss Medical Forum, 2022). Das Ziel ist nicht, Dich zu verändern, sondern Deinen Alltag leichter zu machen. Ein typisches Beispiel: Du kannst Dich bei einer Aufgabe länger halten, bevor Du abgelenkt wirst.

Ein internationales Konsens-Papier beschreibt Medikamente als wirksamer für die Kernsymptomatik als nicht medikamentöse Behandlungen und beobachtet Zusammenhänge mit weniger Verletzungen und weniger Straffälligkeit (Faraone et al., 2021). Nach der deutschen S3-Leitlinie sind Nebenwirkungen bei den meisten Menschen mild bis moderat, oft dosisabhängig und treten häufig vorübergehend zu Beginn der Behandlung auf (AWMF, 2026). Bei den genannten Verletzungen und der Straffälligkeit handelt es sich um Zusammenhänge, nicht um den Nachweis einer Ursache.

Wichtig ist auch, was die Studienlage nicht beantwortet: Die Netzwerk-Metaanalyse von 2018 betont, dass es zu langfristigen Effekten noch zu wenig Forschung gibt (Cortese et al., 2018). Die Netzwerk-Metaanalyse von 2025 sieht die Evidenz für längere Zeiträume ebenfalls als zu wenig untersucht und fand für die Medikamente keinen Nutzen bei zusätzlichen Zielgrössen wie der Lebensqualität (Ostinelli et al., 2025). Eine Übersicht über Übersichtsarbeiten (Umbrella Review) sah bei Erwachsenen für Methylphenidat und Atomoxetin (und für Amphetamine, wenn nur hochwertige Studien betrachtet werden) mindestens mässig sichere Belege für mittlere Effekte auf die Symptome, aber für keine Behandlung hochsichere Langzeitbelege (Gosling et al., 2025). Eine Cochrane-Übersicht zu Methylphenidat retard bei Erwachsenen fand kleine bis moderate Verbesserungen der Symptome, stufte die Sicherheit der Evidenz wegen kurzer Studien und Verzerrungsrisiken aber als sehr niedrig ein (Boesen et al., 2022).

Oft braucht es Anpassungen, bis Präparat und Einnahme gut passen. Das gehört zu einer ärztlichen Begleitung. Dosierungen legt Deine Ärztin oder Dein Arzt fest, hier nennen wir bewusst keine.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Bei Stimulanzien sind Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Ein- und Durchschlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen sowie leichte Erhöhungen von Puls und Blutdruck häufig. Seltener kommen gedrückte Stimmung, Ängstlichkeit, Gereiztheit oder Tics vor (AWMF, 2026; ähnlich Verein ADHS/ADS Schweiz, Stimulanzien). Atomoxetin kann unter anderem Appetitlosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Gewichtsverlust verursachen, bei Männern auch sexuelle Funktionsstörungen, und sehr selten Leberschäden oder suizidales Verhalten (AWMF, 2026). Das Swiss Medical Forum nennt Schlafstörungen am Abend (Swiss Medical Forum, 2022). In der Netzwerk-Metaanalyse wurden bei Erwachsenen Amphetamine, Atomoxetin, Methylphenidat und Modafinil schlechter vertragen als Placebo, es gab also mehr Studienabbrüche wegen Nebenwirkungen (Cortese et al., 2018). Nebenwirkungen gehören also zur Abwägung, sie sind aber nicht bei allen gleich.

Herz und Kreislauf

Stimulanzien und Atomoxetin erhöhen im Mittel Blutdruck und Puls leicht. Eine Netzwerk-Metaanalyse von 102 Studien mit kurzer Dauer (im Median 7 Wochen), darunter rund 9400 Erwachsene, fand bei Erwachsenen Anstiege von etwa 2 mmHg beim systolischen Blutdruck und von etwa 4 bis 6 Schlägen pro Minute beim Puls, bei allerdings sehr geringer Sicherheit der Evidenz. Guanfacin senkte beide Werte. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, Blutdruck und Puls unter jeder ADHS-Medikation zu kontrollieren, nicht nur unter Stimulanzien (Farhat et al., 2025).

Ob die Einnahme über Jahre das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, ist nicht abschliessend geklärt. Eine schwedische Registerstudie (Fall-Kontroll-Design, 6 bis 64 Jahre) fand bei längerer Einnahme mehr Herz-Kreislauf-Diagnosen, vor allem Bluthochdruck: Nach drei bis fünf Jahren Einnahme war die Chance auf eine Herz-Kreislauf-Diagnose im Vergleich zur Nichteinnahme erhöht (adjustiertes Odds Ratio 1,27), bei Bluthochdruck deutlicher (1,72). Beobachtungsstudien können Ursache und Wirkung aber nicht sicher trennen (Zhang et al., 2024). Die deutsche S3-Leitlinie beschreibt bei körperlich gesunden Menschen meist geringe, klinisch unbedeutende Veränderungen, bei Vorerkrankungen oder familiären Risikofaktoren ein moderat erhöhtes Risiko (AWMF, 2026). Deshalb wird vor Beginn nach Herzbeschwerden gefragt (zum Beispiel Ohnmacht, unerklärliche Atemnot, plötzlicher Herztod in der Familie), und unter der Behandlung werden Blutdruck und Puls regelmässig kontrolliert, etwa halbjährlich (AWMF, 2026; ähnlich Kooij et al., 2019 und NICE NG87).

Psychische Veränderungen

Stimulanzien können bei einzelnen Menschen Ängstlichkeit, Gereiztheit oder gedrückte Stimmung auslösen oder verstärken. Sehr selten treten psychotische oder manische Symptome auf, die Angaben dazu schwanken allerdings stark. Die deutsche S3-Leitlinie nennt vorübergehende psychotische oder maniforme Symptome sehr selten (etwa 0,2 Prozent) (AWMF, 2026). Eine Meta-Analyse überwiegend jüngerer Teilnehmender (mittleres Alter 12,6 Jahre) fand bei Menschen mit ADHS unter Stimulanzien im Mittel höhere Anteile (psychotische Symptome 2,8 Prozent, psychotische Störungen 2,3 Prozent, bipolare Störungen 3,7 Prozent) bei sehr grosser Streuung zwischen den Studien, und mit Amphetaminen häufiger als mit Methylphenidat. Eine Ursache lässt sich daraus nicht ableiten (Salazar de Pablo et al., 2025). Treten psychotische Symptome auf, wird das Präparat pausiert und fachärztlich abgeklärt (AWMF, 2026), und bei einer akuten Psychose oder Manie ist die ADHS-Medikation nach NICE zunächst zu stoppen (NICE NG87). Sprich deshalb vor dem Start offen über frühere psychische Erkrankungen in Deiner Familie und bei Dir.

Wann Medikamente nicht geeignet sind

Bei bestimmten Voraussetzungen sind Medikamente nicht geeignet. Das Kompendium nennt bei Ritalin unter anderem ausgeprägte Angstzustände, Schilddrüsenüberfunktion, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Glaukom, psychotische Symptome, Suizidneigung, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Schwangerschaft und Stillzeit, die dort als kontraindiziert oder nicht empfohlen geführt werden. Bei Elvanse werden unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mässiger bis schwerer Bluthochdruck, psychotische Symptome und Suizidneigung genannt, Ohnmacht und eine Verlängerung der QT-Zeit im Herz-EKG wurden als unerwünschte Wirkungen aufgenommen. Bei Atomoxetin werden schwere Depression oder ausgeprägte Angst mit Suizidrisiko sowie schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen erwähnt (Compendium.ch). Deshalb gehören eine ärztliche Abklärung und Kontrolle dazu. Wenn Du Medikamente nimmst und Herzklopfen, Ohnmacht, ungewöhnliche Gedanken oder starke Stimmungsveränderungen bemerkst, melde Dich bei Deiner Ärztin oder Deinem Arzt. Bei akuter Gefahr: Rettung 144.

Zwei Beschwerden sind im Alltag besonders häufig und haben eigene Beiträge: Appetitlosigkeit durch ADHS-Medikamente und der Einfluss auf den Schlaf.

Was gilt in Schwangerschaft und Stillzeit?

Wenn Du schwanger bist, schwanger werden möchtest oder stillst, besprich die Medikation mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt, bevor Du etwas veränderst, und setze nichts eigenständig ab. Das Kompendium führt bei Ritalin, Concerta, Elvanse und Atomoxetin Schwangerschaft und Stillzeit bei den Kontraindikationen beziehungsweise als nicht empfohlen auf, die Einzelheiten stehen in der jeweiligen Fachinformation (Compendium.ch).

Beobachtungsstudien ergeben nach Berücksichtigung von Störfaktoren überwiegend keine deutlichen Hinweise auf Schäden, sie können einen Zusammenhang aber nicht sicher ausschliessen. Eine grosse US-Kohortenstudie mit über vier Millionen Schwangerschaften fand keinen relevanten Zusammenhang zwischen Amphetamin-Einnahme in der zweiten Schwangerschaftshälfte und Autismus, ADHS oder anderen Entwicklungsstörungen beim Kind. Bei Methylphenidat zeigte sich ein erhöhtes ADHS-Risiko beim Kind, das bei strengerer Berücksichtigung der mütterlichen ADHS nicht bestehen blieb (Suarez et al., 2024). Eine Meta-Analyse von 25 Studien fand für Stimulanzien und Atomoxetin nach Anpassung für Störfaktoren kein erhöhtes Risiko für schwere Fehlbildungen insgesamt, aber Hinweise auf mehr Herzfehlbildungen unter Methylphenidat und etwas häufiger niedrige Apgar-Werte nach fünf Minuten. Die Autorinnen und Autoren werten das nicht als Beleg für einen ursächlichen Schaden (Komargodski et al., 2026). Für die Stillzeit haben wir keine geprüfte Studie gefunden, hier gilt die Einstufung des Kompendiums.

Aus der Praxis

Vor der ersten Verordnung hören wir am häufigsten drei Sorgen: Abhängigkeit, eine veränderte Persönlichkeit und Nebenwirkungen. Wir nehmen sie ernst und besprechen, was die Studienlage sagt und wo sie Grenzen hat. Wichtig ist uns, vorab Vorerkrankungen, andere Medikamente und Substanzgebrauch zu erfassen, denn sie beeinflussen, ob und welches Präparat in Frage kommt. Medikamente sollen Symptome lindern und nicht Deinen Charakter verändern. Fühlst Du Dich nicht mehr wie Du selbst, ist das ein Grund, Dich zu melden. Oft braucht es Anpassungen, bis alles passt, und das gehört zur ärztlichen Begleitung. Verändere nie selbst etwas an Deinen Medikamenten, sondern sprich vorher mit uns.

Was gilt in der Schweiz bei Verschreibung und Kosten?

Voraussetzung ist eine fachärztliche Abklärung, und für mehrere Präparate nennt die Spezialitätenliste weitere Bedingungen. Bei Concerta und gleichartigen Generika (z. B. Methylphenidat Sandoz) muss die Diagnose durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (oder für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Entwicklungspädiatrie) gestellt werden, die Behandlung erfolgt im Rahmen eines umfassenden Therapieprogramms. Elvanse wird bei Erwachsenen nur als Zweitlinie vergütet, also bei Unverträglichkeit, Gegenanzeige oder fehlendem Ansprechen auf Methylphenidat. Atomoxetin wird bei Erwachsenen bis 50 Jahre vergütet, wenn Stimulanzien wegen begleitender psychiatrischer Erkrankungen oder Suchterkrankungen nicht infrage kommen oder Methylphenidat nicht ausreichend wirkt. Bei beiden müssen Diagnose und erste Verordnung bei Erwachsenen durch Fachärzte mit ADHS-Spezialisierung erfolgen, und nach einem Jahr ist eine erneute Überprüfung der Behandlungsnotwendigkeit durch eine Fachperson mit ADHS-Erfahrung vorgesehen. Alle genannten Präparate sind in der Spezialitätenliste mit dem normalen Selbstbehalt von 10 Prozent aufgeführt (Compendium.ch). Wie das bei Dir konkret läuft, klärst Du mit Deiner Ärztin und Deiner Krankenkasse. Einen Überblick über alle Behandlungsbausteine gibt der Beitrag ADHS-Therapieformen im Vergleich.

Methylphenidat gehört in der Schweiz zu den kontrollierten Substanzen (Betäubungsmittelverzeichnis a) und wird auf einem amtlichen Betäubungsmittelrezept verschrieben. Dieses ist grundsätzlich höchstens einen Monat gültig, die verschriebene Menge deckt in der Regel den Bedarf von einem Monat, in begründeten Fällen bis zu drei Monate (Merkblatt Kanton Thurgau, 2023). Auch für Lisdexamfetamin nennt das Kompendium ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial (Compendium.ch). Folgerezepte werden deshalb regelmässig ausgestellt.

Was ist dran an den häufigsten Mythen?

„ADHS-Medikamente machen abhängig.“

Stimulanzien haben ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial, das im Kompendium ausdrücklich genannt wird, und werden deshalb sorgfältig verordnet. Zugleich zeigt eine Übersichtsarbeit zu Erwachsenen mit ADHS keinen Unterschied im Risiko für neue Suchterkrankungen zwischen Menschen mit und ohne Stimulanzien-Verordnung, wobei die Sicherheit dieser Aussage als gering eingestuft wurde und zu Missbrauch und Weitergabe nur eine Studie vorlag (Rieke et al., 2024). Das Konsens-Papier hält fest, dass die nicht bestimmungsgemässe Anwendung verschriebener Stimulanzien ein relevantes Problem der öffentlichen Gesundheit ist, vor allem bei Studierenden. Sie bleibt meist ohne oder mit geringen medizinischen Folgen, bei Einnahme über nicht orale Wege kommt es aber teils zu schweren. In einer grossen US-Studie kam ein Verhalten, das mit Missbrauch und Weitergabe zusammenhängt (Rezepte bei mehreren Ärzten oder Apotheken), bei Stimulanzien mehr als achtmal häufiger vor als bei Nicht-Stimulanzien, betraf aber nur etwa eine von 250 Personen mit Stimulanzienrezept (Faraone et al., 2021). Bei erhöhtem Risiko, etwa bei Substanzkonsum, empfiehlt die deutsche Leitlinie langwirksame Stimulanzien oder alternativ nicht stimulierende Wirkstoffe (AWMF, 2026), und die Spezialitätenliste sieht Atomoxetin als Option vor, wenn Stimulanzien wegen Suchterkrankungen nicht infrage kommen (Compendium.ch).

„Nur Kinder nehmen ADHS-Medikamente.“

Nein. Etwa die Hälfte der Kinder mit ADHS hat auch im Erwachsenenalter Beschwerden (Swiss Medical Forum, 2022), und einzelne Präparate sind in der Schweiz auch für Erwachsene zugelassen, wie die Tabelle oben zeigt.

„Medikamente verändern die Persönlichkeit.“

Medikamente sollen Symptome lindern, nicht Deinen Charakter verändern. Wenn Du Dich nicht mehr wie Du selbst fühlst, ist das ein wichtiger Grund, mit Deiner Ärztin zu sprechen, denn oft lassen sich Dosis oder Präparat anpassen.

„Pflanzliche oder natürliche Mittel ersetzen Medikamente.“

Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Eine europäische Übersichtsarbeit zu Ernährung bei ADHS, die vor allem Studien an Kindern auswertete, fand für Omega-3-Fettsäuren Hinweise auf einen kleinen Effekt und sah bei Eliminationsdiäten und Farbstoffen weitere Studien als nötig (Stevenson et al., 2014). Zu Ginseng, Brahmi oder Rhodiola haben wir keine geprüften Belege gefunden. Einen Überblick über Alternativen findest Du im Beitrag ADHS ohne Medikamente.

Wie passen Medikamente in ein Gesamtkonzept und in den Alltag?

Meist sind sie ein Baustein, nicht die einzige Massnahme. Der europäische Konsens empfiehlt für Erwachsene ein multimodales und multidisziplinäres Vorgehen mit Psychoedukation, Medikation, kognitiver Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). In einer Studie mit 98 medikamentös behandelten Erwachsenen mit Restbeschwerden brachte zusätzliche kognitive Verhaltenstherapie nach einem Jahr bessere Werte bei den Kernsymptomen, den depressiven Symptomen und der Lebensqualität als Medikation allein (Pan et al., 2024). Medikamente werden zudem nicht automatisch auf Dauer verordnet: Die deutsche Leitlinie sieht etwa halbjährlich eine Überprüfung vor, ob die Medikation weitergeführt, angepasst oder beendet wird, gegebenenfalls mit einem Auslassversuch, und NICE empfiehlt mindestens eine jährliche Überprüfung (AWMF, 2026; NICE NG87). Mehr zu Psychotherapie bei ADHS, zu Achtsamkeit und zu EMDR bei ADHS findest Du in unseren weiteren Beiträgen.

Ein bunter Mix aus Blisterpackungen mit verschiedenen Tablettenformen und -farben liegt gestapelt aufeinander. Die Vielfalt zeigt die Bandbreite an Medikamenten, die bei ADHS zum Einsatz kommen können. In der Schweiz erfolgt die Auswahl immer individuell abgestimmt auf das jeweilige Beschwerdebild.

Was tun, wenn Du eine Einnahme vergessen hast?

Was in dem Fall richtig ist, hängt vom Präparat ab, vor allem davon, ob es ein Retard- oder Kurzzeitpräparat ist. Lies dazu die Packungsbeilage und frag Deine Ärztin oder Deinen Arzt, statt selbst zu entscheiden oder gar etwas nachzuholen. Zur Vorbeugung helfen feste Routinen, eine Erinnerung im Handy oder ein Wochendosierer.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Du bei Dir ADHS vermutest, ist der erste Schritt eine ärztliche Abklärung, nicht ein Medikament. Dasselbe gilt, wenn Du bereits Medikamente nimmst und Nebenwirkungen oder fehlende Wirkung bemerkst. Setze Medikamente nie eigenständig ab und ändere die Einnahme nicht ohne Rücksprache. Bei Suizidgedanken wende Dich sofort an die Rettung (144), die Dargebotene Hand (143) oder Deine Hausärztin beziehungsweise Deinen Hausarzt.

Häufige Fragen zu ADHS-Medikamenten

Welche ADHS-Medikamente gibt es für Erwachsene in der Schweiz?

Für Erwachsene sind unter anderem Methylphenidat-Präparate (z. B. Concerta, Medikinet MR), Lisdexamfetamin (Elvanse) und Atomoxetin zugelassen. Voraussetzung sind laut Kompendium Symptome seit der Kindheit und eine fachärztliche Diagnose. Guanfacin ist nur bis 18 Jahre zugelassen (Swiss Medical Forum, 2022; Compendium.ch). Welches Medikament zu Dir passt, entscheidet die Fachperson nach einer Abklärung.

Machen ADHS-Medikamente abhängig?

Stimulanzien haben ein Missbrauchspotenzial und werden deshalb ärztlich begleitet. Eine Übersichtsarbeit fand bei Erwachsenen mit ADHS keinen Unterschied im Risiko neuer Suchterkrankungen zwischen Menschen mit und ohne Stimulanzien-Verordnung, wobei die Datenlage unsicher ist (Rieke et al., 2024). Wenn Du Dir wegen einer Sucht Sorgen machst, sprich offen mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten der Medikamente?

Die genannten Präparate sind in der Spezialitätenliste mit einem Selbstbehalt von 10 Prozent aufgeführt, mit den im Kompendium genannten Bedingungen, etwa einer fachärztlichen Diagnose, bei Erwachsenen Symptomen seit der Kindheit und bei Elvanse und Atomoxetin der Zweitlinie nach Methylphenidat (Compendium.ch). Wie das bei Dir konkret aussieht, klärst Du mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt und Deiner Krankenkasse.

Was kann ich tun, wenn Nebenwirkungen auftreten?

Sprich mit Deiner behandelnden Ärztin oder Deinem Arzt, bevor Du etwas veränderst. Nebenwirkungen sind oft dosisabhängig und treten häufig vorübergehend zu Beginn auf, deshalb lassen sie sich oft durch Anpassung von Dosis oder Präparat handhaben (AWMF, 2026). Notiere Dir, wann sie auftreten, und nimm die Notizen mit zum Termin. Bei akuten oder beunruhigenden Beschwerden melde Dich rasch ärztlich.

Darf ich in Schwangerschaft und Stillzeit ADHS-Medikamente nehmen?

Das Kompendium führt Schwangerschaft und Stillzeit bei den Kontraindikationen beziehungsweise als nicht empfohlen auf (Compendium.ch). Studien zur Einnahme in der Schwangerschaft zeigen nach Berücksichtigung von Störfaktoren überwiegend keine deutlichen Hinweise auf Schäden, lassen aber offene Fragen (Suarez et al., 2024; Komargodski et al., 2026). Besprich einen Kinderwunsch oder eine Schwangerschaft frühzeitig mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt und setze die Medikamente nicht eigenständig ab.

Fazit

ADHS-Medikamente sind ein wirksamer Baustein, der Dir den Alltag erleichtern kann, kein Allheilmittel und keine Pflicht. Wichtig sind eine fundierte Abklärung, eine auf Dich abgestimmte Auswahl und regelmässige ärztliche Kontrollen. Wenn Du Dich über Behandlungsmöglichkeiten informieren möchtest, kannst Du das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam nutzen, mehr dazu auf der Seite zur ADHS-Therapie.

Quellen

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  • Gosling, C. J. et al. (2025). Benefits and harms of ADHD interventions: umbrella review and platform for shared decision making. BMJ, 391, e085875. doi.org
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  • NICE (2018, zuletzt aktualisiert 2019). Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87). nice.org.uk
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  • Compendium.ch: Ritalin, Concerta, Medikinet MR, Elvanse, Atomoxetin Mepha (Fachinformation, Indikation, Limitation). Ritalin, Concerta, Medikinet MR, Elvanse, Atomoxetin
  • Amt für Gesundheit Kanton Thurgau (2023). Merkblatt Umgang mit kontrollierten Substanzen. gesundheit.tg.ch
  • Verein ADHS/ADS Schweiz. Stimulanzien. adhs-ads-schweiz.ch
  • Rieke, K. et al. (2024). ADHD and substance use disorders in adults: a systematic review. Evidence Synthesis Program, U.S. Department of Veterans Affairs. hsrd.research.va.gov
  • Stevenson, J. et al. (2014). The role of diet in the treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder: an appraisal of the evidence on efficacy and recommendations on the design of future studies. European ADHD Guidelines Group. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 55(5), 416-427. acamh.onlinelibrary.wiley.com
  • Pan, M. R. et al. (2024). One-year follow-up of the effectiveness and mediators of cognitive behavioural therapy among adults with ADHD: secondary outcomes of a randomised controlled trial. BMC Psychiatry, 24, 207. link.springer.com

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Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

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Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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