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Warum Männer seltener Therapie suchen

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

«Das regle ich selbst.» Viele Männer kennen diesen Satz aus dem eigenen Kopf. Wenn es um psychische Beschwerden geht, zögern sie oft lange, bevor sie sich Hilfe holen. Das gilt auch für ADHS: Konzentrationsprobleme, Unruhe oder Chaos im Alltag werden als persönliches Versagen gedeutet, statt als etwas, das sich abklären und behandeln lässt. In diesem Ratgeber erfährst Du, was die Forschung über Männer und Hilfesuche weiss, welche Hürden häufig im Weg stehen und wie der Einstieg leichter fallen kann.

Kurz erklärt: Männer suchen bei psychischen Beschwerden im Durchschnitt seltener Hilfe als Frauen. Gründe sind unter anderem traditionelle Rollenbilder, Scham, Selbststigma und fehlendes Wissen. Speziell zu ADHS ist die Datenlage dünner, und Männer werden teils sogar früher diagnostiziert als Frauen. Hilfe zu suchen ist keine Schwäche. Eine Abklärung kann Klarheit bringen, und es gibt wirksame Behandlungen.

Suchen Männer mit ADHS wirklich seltener Therapie?

Für psychische Beschwerden allgemein ja, für ADHS lässt sich das nicht so pauschal sagen. Eine Übersichtsarbeit zu jungen Männern hält fest, dass Männer, besonders Jugendliche und junge Erwachsene, seltener psychische Unterstützung in Anspruch nehmen als Frauen (Sheikh et al., 2024). Zu ADHS gibt es weniger Daten. In einer Studie mit erwachsenen Patientinnen und Patienten wurde die ADHS bei Frauen im Schnitt mit 29 Jahren diagnostiziert und bei Männern mit 24 Jahren, obwohl die Beschwerden in beiden Gruppen etwa gleich früh begonnen hatten (Mestres et al., 2025). Das ist ein Befund aus einer einzelnen Studie. Er zeigt aber: Es wäre zu einfach zu sagen, dass Männer mit ADHS generell später Hilfe bekommen.

Wahrscheinlich gibt es beides: Männer, die schon früh auffallen, und Männer, die jahrelang unauffällig «funktionieren» und erst bei einer Krise Hilfe suchen. Wenn Du Dich in diesem zweiten Bild wiedererkennst, ist dieser Ratgeber für Dich geschrieben.

Warum zögern viele Männer, Hilfe zu suchen?

Meist wirken mehrere Gründe zusammen. Die Forschung beschreibt vor allem die folgenden.

Traditionelle Rollenbilder

Wer gelernt hat, stark, unabhängig und beherrscht zu sein, tut sich oft schwer, Probleme zuzugeben. Eine systematische Übersicht von 37 Studien zeigt, dass die Orientierung an traditionellen männlichen Normen beeinflusst, wie Männer Beschwerden wahrnehmen und ausdrücken, wie sie zur Hilfesuche stehen und wie sie mit Symptomen umgehen. Die Arbeit bezieht sich auf Depression. Die Autorinnen und Autoren meinen, dass ein flexibleres Männlichkeitsbild die Hilfesuche fördern könnte (Seidler et al., 2016). Ähnliches fand eine Übersicht zu jungen Männern: Der Druck, männlichen Normen zu entsprechen, war in allen eingeschlossenen Studien eine Hürde (Sheikh et al., 2024). Wie solche Erwartungen in der Schweiz gesehen werden, zeigt unser Beitrag zu ADHS und Schweizer Gesellschaft.

Scham und Selbststigma

Viele fürchten, als «schwach» zu gelten, wenn sie Hilfe annehmen. Die Übersicht zu jungen Männern beschreibt Selbststigma als wichtiges Thema: Hilfe zu suchen wurde als Zeichen persönlicher Schwäche empfunden (Sheikh et al., 2024). Bei ADHS kommt hinzu, dass viele Erwachsene Vorurteile erwarten. In einer Befragung von 104 Erwachsenen mit ADHS rechneten 88,5 Prozent in Alltagssituationen mit Diskriminierung (Masuch et al., 2019). Mehr dazu im Beitrag zum ADHS-Stigma.

Fehlendes Wissen und Missverständnisse

ADHS wird häufig mit zappeligen Kindern verbunden. In einer Studie war das Bild, das Menschen von Erwachsenen mit ADHS hatten, von dem der Kindheit geprägt (Godfrey et al., 2020). Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS aber oft anders, etwa als Mühe mit Organisation, Fristen oder Pünktlichkeit. Das wird schnell als Charakterfrage abgetan («Der ist eben chaotisch»). Auch fehlendes Wissen über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten spielt eine Rolle (Sheikh et al., 2024).

Ein Mann im Bürochaos wirkt überfordert, ein typisches Bild für Überlastung im Alltag.

Familie und Umfeld

Wer in der Familie gelernt hat, Probleme allein zu lösen, tut sich später oft schwerer, Hilfe anzunehmen. In der Forschung zu jungen Männern wurden Freundinnen, Freunde und Familie als bevorzugte Ansprechpersonen genannt, formelle Angebote seltener (Sheikh et al., 2024). Wie Menschen im Umfeld unterstützen können, steht im Beitrag zu Angehörigen und ADHS.

Wie zeigt sich ADHS bei Männern im Vergleich zu Frauen?

Die Befunde sind uneinheitlich, und es gibt Unterschiede im Durchschnitt, keine Regeln für den Einzelfall. Eine systematische Übersicht mit 40 Studien hält fest, dass Männer in Erwachsenenstudien insgesamt häufiger ADHS haben als Frauen, Frauen aber ebenfalls deutlich betroffen sind. Frauen zeigten mehr Beeinträchtigung bei sozialem Funktionieren und Stimmung, Männer mehr bei Arbeitsgedächtnis und Ausbildung. Die Autorinnen und Autoren mahnen, Gleichheit zwischen den Geschlechtern nicht einfach anzunehmen (Faheem et al., 2022). Mehr über typische Beschwerden findest Du im Ratgeber ADHS bei Männern.

Befund in der Studie von Mestres et al. (2025) Männer Frauen
Alter bei der Diagnose (Mittel) 24 Jahre 29 Jahre
Depression und Angst weniger häufig häufiger
Substanzgebrauch (Alkohol, Tabak, Cannabis) deutlich höher niedriger
ADHS-Schweregrad weniger ausgeprägt ausgeprägter

Das ist ein Ergebnis einer einzelnen Stichprobe und kein Massstab für Dich persönlich.

Aus der Praxis

In der Sprechstunde zeigt sich häufig, dass Männer erst Hilfe suchen, wenn der Druck gross geworden ist, etwa bei Überlastung im Beruf, Konflikten in der Beziehung oder anhaltender Erschöpfung. ADHS steht dann oft gar nicht im Vordergrund. Wichtig ist uns deshalb ein ruhiger Einstieg: Wir fragen nach dem Alltag und nicht nach Schwäche.

Dazu gehört ein offener, vorwurfsfreier Blick auf Stimmung und Substanzkonsum, weil beides ADHS begleiten oder überdecken kann. Eine Abklärung ist kein Eingeständnis, nicht zu genügen, sondern eine Möglichkeit, Muster besser zu verstehen. Du musst nicht erst in einer Krise stecken, um Fragen zu stellen.

Welche Folgen kann unbehandelte ADHS haben?

Unbehandelt kann ADHS Beruf, Beziehungen und Wohlbefinden belasten. Eine Übersichtsarbeit zu 125 Reviews nennt als mit ADHS verbundene Themen unter anderem Schwierigkeiten im Beruf und in Beziehungen, Suchtverhalten, Stimmungsstörungen, ein geringeres Selbstwertgefühl sowie Suizid und Selbstverletzung (French et al., 2024). Das sind Risiken und keine Schicksale: Nicht jeder Mann mit ADHS erlebt das, und vieles lässt sich mit Unterstützung entschärfen. Wie sich der Alltag mit ADHS anfühlen kann, beschreibt der Beitrag Ein Tag mit ADHS. Bei Arbeitsproblemen, Streit in der Partnerschaft oder dem Gefühl, ständig hinterherzulaufen, kann eine Abklärung ein erster Schritt sein.

Wie fällt der Einstieg leichter?

Indem Du das Thema als praktisches Anliegen und nicht als Schwäche behandelst. Die Forschung nennt dazu einige Ansatzpunkte: Angebote, die Männer ansprechen, und nicht stigmatisierende Sprache wie «mentale Fitness» erleichterten in der Übersicht zu jungen Männern den Zugang (Sheikh et al., 2024). Ideen für Dich:

  • Formuliere ein konkretes Ziel: «Ich möchte meinen Alltag besser organisieren» oder «Ich will wissen, warum ich bei der Arbeit immer wieder an denselben Stellen scheitere».
  • Hol Dir eine Vertrauensperson dazu: Sprich mit einer Freundin, einem Freund oder Deiner Partnerin. Sie können Dich beim ersten Schritt begleiten.
  • Nutze einen niederschwelligen Start: Das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist unverbindlich. Wir sind in Zürich und Biel für Dich da, geeignete Termine auch per Video.
  • Informiere Dich über Behandlung: Fachleute beschreiben bei Erwachsenen einen mehrteiligen Ansatz aus Psychoedukation, Medikation, kognitiver Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). Wie Psychotherapie bei uns aussieht, beschreibt der Beitrag Psychotherapie und Coaching bei klaro ADHS.
  • Lies, wie andere es erlebt haben: Der Erfahrungsbericht zur Diagnose mit 40 zeigt, wie es sich anfühlen kann, spät Klarheit zu bekommen.

Ein Mann ist vollständig mit Notizzetteln bedeckt, viele davon tragen Botschaften wie «Take a break» oder «Stop». Das Bild steht für Überforderung und innere Unruhe.

Wann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Konzentrationsprobleme, Unruhe oder Chaos Deinen Alltag über längere Zeit belasten und Du vermutest, dass mehr dahintersteckt. Auch Stimmungstiefs, Alkohol- oder Cannabiskonsum zur Beruhigung oder anhaltende Erschöpfung sind gute Anlässe, mit einer Fachperson zu sprechen. Die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt, nicht ein Text im Internet.

Wenn Du in einer akuten Krise bist oder an Suizid denkst: Wähle die 144 (Rettung) oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch Deine Hausarztpraxis oder der Notfall sind Anlaufstellen. Du musst das nicht allein tragen.

Häufige Fragen zu Männern und ADHS-Therapie

Ist es ein Zeichen von Schwäche, wegen ADHS Hilfe zu suchen?

Nein. Die Vorstellung, Hilfe sei ein Zeichen von Schwäche, gehört zu den Hürden, die in der Forschung zu männlicher Hilfesuche beschrieben werden (Seidler et al., 2016). Eine Abklärung ist eine praktische Entscheidung: Du willst wissen, was hinter Deinen Schwierigkeiten steckt, damit Du gezielt etwas ändern kannst.

Wird ADHS bei Männern auch übersehen?

Ja, das kommt vor. ADHS bei Erwachsenen gilt in Europa insgesamt als unterdiagnostiziert und unterbehandelt (Kooij et al., 2019). Beschwerden wie Unpünktlichkeit, Vergesslichkeit oder Streit im Beruf werden oft anderen Ursachen zugeschrieben. Wer sich darin wiedererkennt, kann das ärztlich abklären lassen.

Wie kann ich als Partnerin oder Freund jemanden ansprechen?

Am besten ruhig, konkret und ohne Vorwürfe. Sprich über das, was Du beobachtest und wie es Dir damit geht, und biete an, beim ersten Schritt zu helfen. In einer Übersicht zu jungen Männern wurden Freunde und Familie als bevorzugte Ansprechpersonen genannt (Sheikh et al., 2024). Weitere Tipps stehen im Ratgeber für Angehörige.

Wird die Behandlung von der Krankenkasse bezahlt?

Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos. Abklärung und Therapie durch Fachärztinnen und Fachärzte werden bei entsprechender Anordnung über die obligatorische Krankenpflegeversicherung (Grundversicherung) abgerechnet. Wie das im Einzelfall aussieht, klärst Du am besten direkt im Gespräch mit uns. Bei Fragen zur Abrechnung unterstützen wir Dich gern.

Fazit

Dass Männer seltener Hilfe suchen, hat meist mit Rollenbildern, Scham und fehlendem Wissen zu tun, nicht mit fehlendem Bedarf. Wenn Du Dich in den Beschreibungen wiedererkennst, ist der erste Schritt oft der schwierigste und zugleich der wichtigste. Informiere Dich über die ADHS-Therapie oder melde Dich für ein kostenloses Erstgespräch mit unserem Beratungsteam. Es ist unverbindlich.

Quellen

  • Seidler Z.E., Dawes A.J., Rice S.M., Oliffe J.L., Dhillon H.M. (2016): The role of masculinity in men’s help-seeking for depression: A systematic review. Clinical Psychology Review, 49, 106-118. sciencedirect.com
  • Sheikh A., Payne-Cook C., Lisk S., Carter B., Brown J.S.L. (2024): Why do young men not seek help for affective mental health issues? A systematic review of perceived barriers and facilitators among adolescent boys and young men. European Child & Adolescent Psychiatry. springer.com
  • Mestres F. et al. (2025): Sex differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based study. European Psychiatry, 68(1). cambridge.org
  • Faheem M. et al. (2022): Gender-based differences in prevalence and effects of ADHD in adults: A systematic review. Asian Journal of Psychiatry, 75. sciencedirect.com
  • Masuch T.V. et al. (2019): Internalized stigma, anticipated discrimination and perceived public stigma in adults with ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 11, 211-220. springer.com
  • Godfrey E. et al. (2020): Public perceptions of adult ADHD: Indications of stigma? Journal of Neural Transmission. springer.com
  • French B. et al. (2024): The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Kooij J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
  • Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und E-Mail. 143.ch

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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