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ADHS in der Partnerschaft: Verständnis fördern

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Eine Partnerschaft mit ADHS kann intensiv, lebendig und warmherzig sein. Sie kann aber auch an Dingen reiben, die im Alltag unscheinbar wirken: vergessene Absprachen, ein unaufgeräumter Haushalt, Schwierigkeiten, beieinander zu bleiben, wenn der Kopf woanders ist. In diesem Ratgeber geht es um den gemeinsamen Alltag als Paar: um Verständnis, faire Aufgabenteilung, Nähe und darum, wie sich beide Partner unterstützt fühlen. Wie Ihr Konflikte und Gespräche gestaltet, findest Du im Beitrag ADHS und Beziehung.

Kurz erklärt: In einer Partnerschaft wirkt sich ADHS vor allem auf Verlässlichkeit, Organisation, Gefühle und Nähe aus. Das ist keine Frage der Liebe, sondern der Muster, die beide Partner kennen und gemeinsam gestalten können. Hilfreich sind ein gemeinsames Verständnis der ADHS, eine faire und klare Aufgabenteilung, bewusst geplante Paarzeit und bei Bedarf Unterstützung von aussen für beide.

Wie wirkt sich ADHS auf eine Partnerschaft aus?

ADHS kann den Alltag zu zweit auf mehreren Ebenen beeinflussen: Verlässlichkeit bei Terminen, Aufmerksamkeit füreinander, Umgang mit Gefühlen und die Verteilung von Aufgaben. Eine Übersichtsarbeit zu den Folgen von ADHS fasst zusammen, dass Erwachsene mit ADHS häufiger geschieden sind, in romantischen Beziehungen weniger Zufriedenheit berichten und häufiger weniger Intimität und Angst vor Intimität haben (French et al., 2024). Das sind Durchschnittswerte aus Studien. Sie bedeuten nicht, dass Deine Partnerschaft darunter leiden muss.

Dazu kommt ein wichtiger Gegenpunkt: In einer Untersuchung mit 306 Erwachsenen berichtete die Gruppe mit ADHS-Merkmalen stärkere leidenschaftliche Liebe als die Vergleichsgruppe (Soares et al., 2021). Viele Menschen mit ADHS wünschen sich also Bindung sehr. Schwierigkeiten entstehen eher dort, wo Verhalten missverstanden wird: Ein vergessener Termin wirkt wie Desinteresse, obwohl er Folge einer Aufmerksamkeitsschwäche ist.

Wie teilen wir den Alltag fair auf?

Indem Ihr Aufgaben bewusst verteilt und sichtbar macht, statt dass eine Person stillschweigend mehr organisiert. Das Ungleichgewicht entsteht schnell: Eine Person erinnert, plant und kontrolliert, die andere fühlt sich bevormundet. Das belastet beide. Ein Vorschlag, der in vielen Paaren funktioniert:

Prinzip Beispiel
Nach Stärken verteilen Kreative Ideen und spontane Planung bei der einen Person, Administration und Fristen bei der anderen, oder ausgelagert
Aufgaben sichtbar machen Whiteboard, gemeinsamer digitaler Kalender, Wochenplan
Grosse Aufgaben teilen Kleine Schritte, zum Beispiel «Müllbeutel wechseln, Tüte füllen, rausbringen»
Regelmässig nachjustieren Fester Wochentermin, an dem Ihr gemeinsam Bilanz zieht

Weitere Werkzeuge findest Du im Beitrag zum Zeitmanagement bei ADHS und zu To-do-Listen. Wer morgens oft in Zeitnot gerät, profitiert von einem gemeinsamen, sichtbaren Ablaufplan mit Symbolen oder Farben. Auch kleine Belohnungen und das Anerkennen kleiner Fortschritte können motivieren. Zur Frage, was Ordnung im Haushalt bedeutet, gibt es kein Richtig oder Falsch. Vereinbart einen Standard, mit dem beide leben können. Anregungen gibt der Beitrag Ordnung halten mit ADHS.

Zwei Menschen halten sich liebevoll an den Händen, ein Symbol für Vertrauen und gegenseitige Unterstützung.

Wie bleibt Nähe trotz ADHS lebendig?

Mit bewusst geplanter Paarzeit und kleinen Ritualen, die nicht davon abhängen, dass Ihr beide gerade Energie habt. Das ADHS-typische Wechselspiel aus intensiver Nähe und plötzlichem Rückzug kann für Unsicherheit sorgen, bei beiden. Das kann helfen:

  • Feste Paarzeit: zum Beispiel ein Abend ohne Handy und ohne To-do-Liste
  • Kleine Rituale: Spaziergang nach dem Abendessen, ein Gute-Nacht-Gespräch, gemeinsamer Kaffee am Morgen
  • Kleine Aufmerksamkeiten: eine Nachricht, ein Kompliment, ein Lieblingsgetränk
  • Körperliche Nähe ohne Druck: Berührung als Ankerzeit, nicht als Pflicht
  • Reizarmer Rahmen: ruhiger Ort, damit Ablenkung weniger stört, siehe ADHS und Reizüberflutung

Auch Sexualität kann durch Ablenkbarkeit, Anspannung oder Unsicherheit beeinflusst sein. Sprecht darüber ohne Schuldzuweisung und ohne Leistungsdruck, mit Geduld und Neugier. Wenn Schwierigkeiten bleiben, kann eine Fachperson weiterhelfen. Als Hilfe in stressigen Phasen funktioniert auch eine gemeinsame Liste kleiner Dinge, die Nähe und Sicherheit geben.

Aus der Praxis

Häufig zeigt sich im Gespräch, dass eine Person in der Beziehung zur Organisatorin geworden ist und sich dadurch kaum noch als Partnerin fühlt, während die andere sich kontrolliert erlebt. Wichtig ist uns, diese Dynamik offen anzusprechen, ohne jemandem die Schuld zuzuweisen. Oft entlastet es, Aufgaben sichtbar zu verteilen, sodass ein gemeinsames System erinnert und nicht eine Person.

Auch Nähe und Sexualität sprechen wir an, wenn Du das möchtest, denn Ablenkbarkeit, Anspannung und Unsicherheit können hineinspielen. Der Einbezug der Partnerin oder des Partners kann hilfreich sein, ersetzt aber nie die ärztliche Abklärung und Behandlung.

Was brauchen Partnerinnen und Partner ohne ADHS, und wann hilft Paarberatung?

Vor allem Verständnis für die eigene Belastung, klare Grenzen und eigene Unterstützung. Wer neben der betroffenen Person lebt, trägt oft viel Organisation und Verantwortung. Das ist anstrengend und verdient Aufmerksamkeit. Hilfreich ist es, eigene Bedürfnisse offen zu sagen, Aufgaben abzugeben und die Rolle des «Erinnerers» nicht dauerhaft allein zu tragen. Selbsthilfe Schweiz führt in ihrem Verzeichnis zu AD(H)S auch Gruppen für Partnerinnen und Partner, und der Verein elpos bietet kostenlose und vertrauliche Beratung auch für Angehörige. Mehr dazu im Beitrag Angehörige unterstützen bei ADHS. Auch das Familienleben ist oft betroffen, siehe ADHS und Familie.

Paarberatung und Therapie

Wenn sich Muster trotz Bemühungen wiederholen, wenn Ihr kaum noch ins Gespräch kommt oder wenn eine Person dauerhaft erschöpft ist. Der europäische Konsens zur Behandlung von ADHS bei Erwachsenen empfiehlt, Partnerin oder Partner nach Möglichkeit in die Behandlung einzubeziehen. Dadurch können dysfunktionale Wechselwirkungen und Stigmatisierung abnehmen (Kooij et al., 2019). Eine Paarberatung mit Kenntnissen zu ADHS oder eine begleitende Behandlung der betroffenen Person kann ein Weg sein. Für Coaching gibt es bisher keine kontrollierten Studien zur Wirksamkeit (Kooij et al., 2019). Es kann also ergänzen, aber eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung nicht ersetzen.

Wann ist ärztliche Abklärung sinnvoll?

Wenn Du bei Dir oder Deiner Partnerin bzw. Deinem Partner den Verdacht hast, dass ADHS dahinterstecken könnte, und die Beschwerden Alltag und Beziehung belasten. Eine Diagnose per Text ist nicht möglich. Erste Schritte beschreibt der Beitrag ADHS-Verdacht: erste Schritte zur Abklärung. Bei akuten Krisen oder Suizidgedanken suche sofort Hilfe: Wende Dich an Deine Hausärztin oder Deinen Hausarzt, rufe den Rettungsdienst unter 144 an oder wähle rund um die Uhr die Nummer 143 der Dargebotenen Hand. Wenn es in der Beziehung zu Gewalt kommt, rufe bei Gefahr die Polizei (117).

Was ist in der Partnerschaft bei Frauen mit ADHS anders?

Von Frauen wird häufig erwartet, Organisation, Termine und Haushalt im Griff zu haben. Gelingt das nicht, deuten Betroffene und Umfeld es schnell als persönliches Versagen, was eine Beziehung zusätzlich belasten kann. Eine Übersichtsarbeit nennt bei Frauen mit ADHS zudem ein höheres Risiko für Beziehungsschwierigkeiten. Offen darüber zu sprechen entlastet, auch in der Abklärung und in der Paarberatung. Mehr im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.

Häufige Fragen zu ADHS in der Partnerschaft

Wie unterstütze ich meine Partnerin oder meinen Partner mit ADHS, ohne zu bevormunden?

Frag nach, was konkret hilft, statt zu erinnern und zu kontrollieren. Vereinbart gemeinsam Systeme wie einen Kalender oder eine Liste, die für beide verbindlich sind. So verlagert sich das Erinnern von der Person auf das System, und Du musst nicht dauernd den Aufpasser spielen.

Ist Vergesslichkeit in der Beziehung ein Zeichen von Desinteresse?

Nicht unbedingt. Bei ADHS können Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Zeitgefühl schwanken, ohne dass die Zuneigung abnimmt. Wichtig ist, dass beide darüber sprechen und Lösungen finden, zum Beispiel Erinnerungen und feste Rituale, damit sich niemand übersehen fühlt.

Kann ADHS die Intimität beeinflussen?

Ja, das ist möglich. Eine Übersichtsarbeit nennt bei Erwachsenen mit ADHS weniger Intimität und Angst vor Intimität (French et al., 2024). Offene, wertschätzende Gespräche, Geduld und bewusst geplante Nähe können helfen. Bei anhaltenden Schwierigkeiten kann eine Fachperson unterstützen.

Wo bekommen Paare in der Schweiz Unterstützung?

Bei elpos gibt es kostenlose und vertrauliche Beratung per Telefon, E-Mail und Video. Selbsthilfe Schweiz führt Gruppen zu AD(H)S, darunter Gruppen für Partnerinnen und Partner. Zusätzlich können Hausärztinnen, Hausärzte und Fachpersonen für Paarberatung oder Psychotherapie weiterhelfen.

Fazit: Gemeinsam statt gegeneinander

ADHS verlangt in einer Partnerschaft Wissen, Absprachen und Geduld, auf beiden Seiten. Dafür entsteht oft ein tiefes gegenseitiges Verständnis. Wenn Ihr den Alltag fair verteilt, Nähe bewusst gestaltet und Euch bei Bedarf Unterstützung holt, kann die Beziehung daran wachsen.

Eine herzliche Umarmung zwischen zwei Menschen am See vermittelt Lebensfreude und Nähe.

Wenn Du Klarheit über Deine eigenen Beschwerden möchtest, steht Dir bei klaro ADHS das kostenlose Erstgespräch mit unserem Beratungsteam offen, in Zürich und Biel, geeignete Termine auch per Video. Die Abklärung und Therapie erfolgen durch Fachärztinnen und Fachärzte und werden bei entsprechender Anordnung über die Grundversicherung abgerechnet. Mehr zur ADHS-Abklärung und ADHS-Therapie findest Du auf unseren Seiten.

Quellen

  • French, B. et al. (2024). The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Soares, A. et al. (2021). Common venues in romantic relationships of adults with symptoms of autism and attention deficit/hyperactivity disorder. Frontiers in Psychiatry. frontiersin.org
  • Kooij, J. J. S. et al. (2019). Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. doi.org
  • elpos Schweiz, ADHS-Organisation: Angebote. elpos.ch
  • Selbsthilfe Schweiz: Selbsthilfeangebote zum Thema AD(H)S. selbsthilfeschweiz.ch

Medizinisch geprüft von

Dirk Sikorski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Dirk Sikorski

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Dirk Sikorski ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Stationen u. a. am Universitätsspital Zürich und im Sanatorium Kilchberg. Er prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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