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ADHS & Begleiterkrankungen: Häufige Kombinationen

Veröffentlicht am: 01. Oktober 2025

Verfasst von

Barbara Siskovičová, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS, Porträt aus der Praxis im Greencity Zürich

Barbara Siskovičová

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Barbara Siskovičová ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger Erfahrung in der Abklärung und Behandlung von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen, zuletzt als Oberärztin einer spezialisierten ADHS-Praxis.

Inhaltsverzeichnis

ADHS kommt selten allein. Viele Betroffene haben nicht nur mit Konzentration, Impulsivität und innerer Unruhe zu tun, sondern auch mit einer zusätzlichen psychischen Erkrankung, etwa Depression, Angst oder Schlafstörungen. Fachleute nennen das Komorbidität. In diesem Ratgeber erfährst Du, welche Begleiterkrankungen am häufigsten vorkommen, warum sie oft übersehen werden und wie die Behandlung aussehen kann. Das Wissen kann helfen, Beschwerden besser einzuordnen. Eine Diagnose stellt es nicht.

Kurz erklärt: Nach Übersichtsarbeiten haben bis zu 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine weitere psychische Störung (Katzman et al., 2017; Choi et al., 2022). Häufig sind Angststörungen, Depressionen, Substanzgebrauchsstörungen und Schlafprobleme. Weil sich die Symptome überschneiden, braucht es eine sorgfältige Abklärung. Behandelt wird meist, was den Alltag am stärksten beeinträchtigt, mit einem Plan, der beide Seiten berücksichtigt.

Was bedeutet Komorbidität bei ADHS?

Komorbidität heisst, dass bei einer Person zwei oder mehr Erkrankungen gleichzeitig vorliegen. Bei ADHS ist das häufig. Es gibt dafür mehrere Erklärungen: Teils teilen ADHS und andere psychische Störungen biologische Grundlagen. Eine grosse Genomstudie fand, dass ein Grossteil der an ADHS beteiligten Genvarianten auch bei anderen psychiatrischen Erkrankungen eine Rolle spielt (Demontis et al., 2023). Teils können jahrelange Überforderung und negative Erfahrungen im Alltag zusätzliche Belastungen begünstigen. Wie stark welcher Anteil im Einzelfall wirkt, lässt sich nicht pauschal sagen.

Wie häufig sind Begleiterkrankungen bei ADHS?

Die Zahlen schwanken stark, je nachdem, ob die Allgemeinbevölkerung oder Patientinnen und Patienten in Kliniken untersucht wurden (Choi et al., 2022). Die folgende Tabelle gibt eine grobe Orientierung aus Übersichtsarbeiten zu Erwachsenen mit ADHS. Sie ist kein Mass für Dein persönliches Risiko.

Scrabble Buchstaben bilden das Wort Depression, Symbolbild für psychische Begleiterkrankungen bei ADHS

Begleiterkrankung Was Übersichtsarbeiten berichten
Angststörungen Häufigkeit bei Erwachsenen mit ADHS um 25 bis 50 Prozent (Fu et al., 2025; Katzman et al., 2017)
Depression Raten von 18,6 bis 53,3 Prozent (Katzman et al., 2017)
Bipolare Störung Schätzungen schwanken stark, von etwa 5 bis 47 Prozent (Katzman et al., 2017)
Substanzgebrauchsstörungen Etwa doppelt so häufig wie sonst (Katzman et al., 2017); in einer Übersicht rund ein Viertel (French et al., 2024)
Persönlichkeitsstörungen Bei mehr als der Hälfte der Erwachsenen in klinischen Stichproben (Katzman et al., 2017)
Schlafstörungen In allen eingeschlossenen Übersichtsarbeiten ein bedeutsamer Zusammenhang (French et al., 2024)
Essstörungen Absolut seltener, aber deutlich häufiger als in der Vergleichsgruppe (Okada et al., 2024)
Autismus-Spektrum Gilt als häufige Kombination bei Erwachsenen (Müller et al., 2022)

Auch umgekehrt kommt ADHS bei anderen Erkrankungen vor: In einer Studie mit 210 Patientinnen und Patienten hatten 13,3 Prozent der Menschen mit Depression und 16,5 Prozent derjenigen mit bipolarer Störung auch ADHS (Sadeghian Nadooshan et al., 2022).

Wie hängen ADHS, Depression und Angst zusammen?

Depression und Angst gehören zu den häufigsten Begleiterkrankungen. Ein Umbrella-Review fand konsistente Zusammenhänge zwischen ADHS und Stimmungsstörungen, wobei die Befunde in Querschnittstudien deutlicher waren als in Längsschnittstudien (French et al., 2024). Die Symptome überschneiden sich teilweise: Konzentrationsprobleme und Antriebslosigkeit passen zu beiden. Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und geringes Selbstwertgefühl können zudem mit einer Dysthymie verwechselt werden (Kooij et al., 2019). Mehr dazu findest Du in den Ratgebern zu ADHS und Depression und ADHS und Angststörungen.

Was hat ADHS mit Sucht, Schlaf und Essverhalten zu tun?

Sucht: Substanzgebrauchsstörungen sind bei ADHS etwa doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung (Katzman et al., 2017). Das heisst nicht, dass Du ein Suchtproblem entwickeln wirst. Es ist ein Grund, Alkohol, Nikotin, Cannabis oder Beruhigungsmittel offen anzusprechen. Mehr dazu im Ratgeber ADHS und Suchtverhalten.

Schlaf: Ein- und Durchschlafprobleme, unregelmässige Schlafzeiten und tagsüber Müdigkeit kommen bei Menschen mit ADHS häufiger vor (French et al., 2024). Schlafmangel kann Konzentration und Stimmung zusätzlich verschlechtern.

Essverhalten: In einer japanischen Bevölkerungsstudie war das Risiko für Essstörungen bei Menschen mit ADHS deutlich höher, bei Erwachsenen etwa 7,8-fach im Vergleich zur Kontrollgruppe, wobei Essstörungen insgesamt selten blieben (Okada et al., 2024).

Aus der Praxis

Wenn Depression oder Angst im Vordergrund stehen, fragen wir in der Sprechstunde zuerst nach dem Verlauf: Bestehen Konzentrations- und Organisationsprobleme schon seit der Kindheit, oder kommen sie in Phasen? Häufig zeigt sich, dass beides nebeneinander besteht. Wichtig ist uns ein offenes Gespräch über Schlaf, Alkohol, Nikotin, Cannabis und Beruhigungsmittel, ohne Wertung. Viele Betroffene kommen wegen Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit und denken gar nicht an ADHS, deshalb fragen wir danach. Behandelt wird zuerst, was den Alltag am stärksten beeinträchtigt, und wir planen gemeinsam mit Dir. Bei Bedarf stimmen wir uns mit Hausarztpraxis, Psychotherapie, Schlafmedizin oder Suchtberatung ab, damit alle am gleichen Plan arbeiten.

Warum werden Begleiterkrankungen und ADHS oft übersehen?

Weil sich die Beschwerden überschneiden. Gerade bei Erwachsenen steht oft zuerst die Depression, die Angst oder die Erschöpfung im Vordergrund, und die ADHS im Hintergrund bleibt unentdeckt. Auch eine geschlechtsspezifische Seite spielt mit: Mädchen zeigen oft weniger Hyperaktivität und werden seltener abgeklärt (Kooij et al., 2019), mehr dazu im Ratgeber zu ADHS bei Frauen. Typische Überschneidungen:

  • Konzentrationsprobleme bei ADHS und bei Depression
  • Impulsivität bei ADHS und bei emotional instabilen Persönlichkeitsmustern
  • Antriebslosigkeit nach Erschöpfung und bei Depression
  • Unruhe aus Angst und innere Unruhe bei ADHS
  • Starke Reizoffenheit bei Hochsensibilität und Reizfilterschwäche bei ADHS
  • Sozialer Rückzug und Kommunikationsprobleme bei ADHS und bei Autismus

Schwarz-weiss Porträt eines Jugendlichen mit zahlreichen beschrifteten Zetteln im Gesicht, Wörter wie „failure“, „useless“ oder „depressing“ symbolisieren das Stigma, die Selbstzweifel und komorbiden Symptome wie Depression bei ADHS.

Eine genaue Abklärung ist deshalb wichtig. Schweizer Fachliteratur nennt die ADHS-Diagnose eine klinische Diagnose, die alle verfügbaren Informationen zusammenführt, und rechnet mit Komorbiditätsraten von bis zu 80 Prozent (Stieglitz, 2023). Wie die Abklärung abläuft, steht im Ratgeber zur ADHS-Diagnose in der Schweiz.

Wie wird ADHS mit Begleiterkrankungen behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach der Gesamtsituation. Leitlinien empfehlen, bei gleichzeitig bestehenden Erkrankungen zuerst die am stärksten beeinträchtigende zu behandeln (Katzman et al., 2017). Eine aktuelle Übersicht zu ADHS mit Depression oder Angst beschreibt: Bei Depression hat die Stabilisierung der Stimmung zunächst Vorrang, bei Angst wird zuerst behandelt, wenn sie den Alltag stark beeinträchtigt. Integrierte Ansätze, die Medikamente, Psychotherapie und digitale Angebote kombinieren, zeigten Verbesserungen bei Beschwerden und Lebensqualität (Fu et al., 2025). Antidepressiva allein behandeln ADHS-Symptome nicht wirksam (Fu et al., 2025).

Für ADHS bei Erwachsenen wird grundsätzlich ein mehrteiliges Vorgehen empfohlen: Psychoedukation, bei Bedarf Medikamente, kognitive Verhaltenstherapie und Coaching (Kooij et al., 2019). Ob und welche Medikamente passen, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Verändere nie selbst etwas an Medikamenten.

  • ADHS sollte nicht unbehandelt bleiben, auch wenn die Begleiterkrankung im Vordergrund steht.
  • Begleiterkrankungen wie Depression oder Angst werden parallel mitbehandelt.
  • Hausärztin oder Hausarzt, Schlafmedizin, Suchtberatung und Psychotherapie stimmen sich bei Bedarf ab.

Wann ist ärztliche Abklärung wichtig?

Wenn Du bei Dir ADHS-Symptome und zusätzlich anhaltende Niedergeschlagenheit, Ängste, starken Schlafmangel oder problematischen Substanzgebrauch bemerkst. Auch ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche wurde bei ADHS in Metaanalysen beschrieben, teils vermittelt durch zusätzliche Erkrankungen (French et al., 2024). Das ist ein Grund, früh Hilfe zu suchen, nicht ein Grund zur Angst. Bei Suizidgedanken oder in einer akuten Krise wende Dich sofort an Deinen Hausarzt oder den Notfall, rufe die 144 an oder wähle rund um die Uhr die 143 der Dargebotenen Hand.

Welche Begleiterkrankungen sind bei Frauen mit ADHS häufig?

Eine Expertenempfehlung beschreibt bei Frauen mit ADHS mehr nach innen gerichtete Störungen wie emotionale Probleme, Angst und Depression, ausserdem erhöhte Risiken für Essstörungen (Young et al., 2020). Wichtig ist, dass bei der Abklärung nicht nur die Begleiterkrankung behandelt wird, sondern auch geprüft wird, ob ADHS dahintersteckt. Mehr im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.

Häufige Fragen zu ADHS und Begleiterkrankungen

Haben alle Menschen mit ADHS auch eine andere psychische Erkrankung?

Nein. In Übersichtsarbeiten wird berichtet, dass bis zu 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine weitere psychische Störung haben. Das bedeutet umgekehrt, dass ein Teil keine hat. Welche Beschwerden bei Dir vorliegen, klärt eine Fachperson in einer umfassenden Abklärung.

Kann eine Depression ADHS vortäuschen?

Ja, die Symptome überschneiden sich. Konzentrationsprobleme, Antriebslosigkeit und Reizbarkeit können bei beiden vorkommen. Wichtig ist der Verlauf: ADHS beginnt in der Kindheit, eine Depression kommt oft in Phasen. Beides kann auch gleichzeitig bestehen, deshalb braucht es eine fachliche Differenzialdiagnostik durch eine erfahrene Fachperson.

Wird zuerst die ADHS oder die Begleiterkrankung behandelt?

Das hängt vom Einzelfall ab. Empfohlen wird, zunächst die am stärksten beeinträchtigende oder instabilste Erkrankung zu behandeln und dann schrittweise die übrigen. Bei starker Depression steht zum Beispiel oft die Stabilisierung der Stimmung zuerst. Dein Behandlungsteam plant das gemeinsam mit Dir.

Können ADHS und Autismus gemeinsam auftreten?

Ja, das ist möglich. Ein Schweizer Übersichtsartikel nennt Autismus-Spektrum-Störungen als häufige Komorbidität bei Erwachsenen (Müller et al., 2022). Die Abgrenzung ist anspruchsvoll, weil sich Aspekte wie soziale Schwierigkeiten und Reizüberflutung überschneiden. Eine spezialisierte Abklärung durch eine erfahrene Fachperson kann helfen.

Fazit: ADHS ist selten allein, aber gut behandelbar

Begleiterkrankungen sind bei ADHS häufig, und sie lassen sich mit einer sorgfältigen Abklärung und einem abgestimmten Behandlungsplan gut angehen. Im kostenlosen Erstgespräch mit unserem Beratungsteam kannst Du Deine Fragen besprechen. Wie eine Abklärung bei uns abläuft, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Abklärung. Wir sind in Zürich und Biel für Dich da, geeignete Termine auch per Video. Mehr zur Einordnung findest Du auch im Ratgeber Neurodivergenz und ADHS.

Quellen

  • Katzman MA et al. (2017): Adult ADHD and comorbid disorders: clinical implications of a dimensional approach. BMC Psychiatry 17:302. Zum Artikel
  • Choi WS et al. (2022): The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLOS ONE 17(11):e0277175. Zum Artikel
  • Fu X et al. (2025): Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: a review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry. Zum Artikel
  • French B et al. (2024): The impacts associated with having ADHD: an umbrella review. Frontiers in Psychiatry 15:1343314. Zum Artikel
  • Okada A et al. (2024): Psychiatric comorbidities of attention deficit/hyperactivity disorder in Japan: a nationwide population-based study. Frontiers in Psychiatry. Zum Artikel
  • Sadeghian Nadooshan et al. (2022): ADHD in adults with major depressive or bipolar disorder: does it affect clinical features, comorbidity, quality of life, and global functioning? BMC Psychiatry. Zum Artikel
  • Demontis D et al. (2023): Genome-wide analyses of ADHD identify 27 risk loci, refine the genetic architecture and implicate several cognitive domains. Nature Genetics 55:198-208. Zum Artikel
  • Kooij JJS et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56:14-34. Zum Artikel
  • Müller TJ et al. (2022): Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Swiss Medical Forum 22(27-28):439-445. Zum Artikel
  • Stieglitz R-D (2023): Diagnostik und Differenzialdiagnostik der ADHS im Erwachsenenalter. Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 1/2023. Zum Artikel

Medizinisch geprüft von

Laura Hallström, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie bei klaro ADHS

Laura Hallström

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Laura Hallström ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und begleitet Patientinnen und Patienten in der ADHS-Therapie per Videosprechstunde. Sie prüft die medizinischen Inhalte auf klaro-adhs.ch.

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