Innere Anspannung, Sorgen, die nicht aufhören, und der Wunsch, Situationen lieber zu vermeiden: Wenn Du ADHS hast, kennst Du das vielleicht gut. Angststörungen gehören zu den häufigsten Begleiterkrankungen bei ADHS. Trotzdem wird die Kombination in der Praxis oft übersehen, weil sich die Beschwerden ähneln. In diesem Ratgeber erfährst Du, wie häufig beides zusammen vorkommt, warum, und wie die Behandlung aussehen kann.
Kurz erklärt: ADHS und Angststörungen treten bei Erwachsenen häufig gemeinsam auf. Je nach Studie ist etwa ein Drittel bis knapp die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS auch von einer Angststörung betroffen. Beide können sich gegenseitig verstärken. Wichtig sind eine genaue ärztliche Abklärung und ein Behandlungsplan, der beide Störungen berücksichtigt. Kognitive Verhaltenstherapie ist dafür gut untersucht.
Wie häufig sind Angststörungen bei ADHS?
Häufiger als in der Allgemeinbevölkerung, aber die Zahlen schwanken je nach Studie. In einer grossen US-Befragung hatten 47,1 Prozent der Erwachsenen mit ADHS irgendeine Angststörung, bei Erwachsenen ohne ADHS waren es 19,5 Prozent (Kessler et al., 2006). Der europäische Konsens nennt für Erwachsene mit ADHS Angststörungen in etwa 34 Prozent (Kooij et al., 2019). Eine Übersicht zu Begleiterkrankungen fand Angststörungen bei ADHS in der Allgemeinbevölkerung in 4,3 bis 47,1 Prozent, ohne ADHS in 0,5 bis 9,5 Prozent, und weist auf grosse Unterschiede zwischen den Studien hin (Choi et al., 2022).
| Quelle | Befund zu Angststörungen bei Erwachsenen mit ADHS |
|---|---|
| Kessler et al., 2006 (Befragung) | 47,1 % mit ADHS vs. 19,5 % ohne ADHS |
| Kooij et al., 2019 (Konsens) | Angststörungen bei etwa 34 % |
| Choi et al., 2022 (Review) | 4,3 bis 47,1 % bei ADHS vs. 0,5 bis 9,5 % ohne ADHS (Allgemeinbevölkerung) |
| Filion Quenneville et al., 2022 (353 Erwachsene mit ADHS) | Mehr als die Hälfte mit mindestens einer Angststörung; am häufigsten soziale Phobie (30 %), Panikstörung (28 %), PTSD (22 %) |
In der letztgenannten Studie ging eine zusätzliche Angststörung mit stärkerer Belastung einher, unter anderem mit mehr Wut, häufigeren Klinikaufenthalten und früheren Suizidversuchen. Die Autorinnen und Autoren empfehlen deshalb, Angst bei ADHS gezielt zu erfassen und zu behandeln (Filion Quenneville et al., 2022). Mehr zu weiteren Kombinationen findest Du im Beitrag ADHS und Begleiterkrankungen.
Warum treten ADHS und Angst oft zusammen auf?
Vermutlich wirken mehrere Faktoren zusammen. Fachleute diskutieren gemeinsame Besonderheiten im Stirnhirn und in der Verarbeitung von Botenstoffen sowie genetische Überschneidungen (Katzman et al., 2017; Fu et al., 2025). Dazu kommt der Alltag: Wer ständig gegen Chaos, vergessene Termine und Überforderung ankämpft, steht oft unter Dauerspannung. Viele Betroffene beschreiben körperliche Anspannung, Schlafstörungen und innere Unruhe. Daraus können Sorgen und Vermeidungsverhalten entstehen. Ein typisches Beispiel: Du meidest Gespräche in der Gruppe, weil Du Angst hast, etwas Impulsives zu sagen oder wichtige Dinge zu vergessen. Dadurch hast Du weniger Übung und fühlst Dich noch unsicherer. Auch ständige Selbstzweifel können Ängste nähren, mehr dazu im Beitrag zu Minderwertigkeitsgefühlen bei ADHS.
Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass Menschen mit ADHS und Angst häufiger weitere psychische Diagnosen haben und die Angst früher beginnt. ADHS werde manchmal erst spät erkannt, weil die Angst impulsives Verhalten bremst (Katzman et al., 2017). Eine spanische Studie fand bei Frauen mit ADHS häufiger Angst und Depression als bei Männern, und die Diagnose kam im Schnitt später (Mestres et al., 2025). Das ist ein Befund einer einzelnen Stichprobe.

Wie unterscheiden sich ADHS und Angststörung?
Viele Beschwerden überschneiden sich: Konzentrationsprobleme, Unruhe, Reizbarkeit, emotionale Anspannung und Schlafstörungen kommen bei beiden vor. Die Schwerpunkte unterscheiden sich aber oft. Die folgende Übersicht ist eine Orientierung und keine Diagnose.
| ADHS eher | Angststörung eher | |
|---|---|---|
| Kernthema | Ablenkbarkeit, Impulsivität, innere Rastlosigkeit | Übermässige Sorgen, Grübeln, Vermeidung |
| Körper | Unruhe, Zappeligkeit | Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, besonders in belastenden Situationen |
| Reize | Schnelle Reizüberflutung, Handlungsabbrüche | Angst vor bestimmten Situationen oder Folgen |
| Beginn | Seit der Kindheit | Oft ab einem bestimmten Zeitpunkt, kann auch früh beginnen |
Besonders knifflig ist die soziale Angst: Viele Menschen mit ADHS fürchten, durch Impulsivität oder Vergesslichkeit aufzufallen, und meiden dann Gespräche oder Gruppen. Deshalb ist eine genaue Abklärung wichtig, die auch den Verlauf über das Leben berücksichtigt. Gab es schon in der Kindheit Hinweise auf ADHS? Wann begannen die Ängste? Der europäische Konsens verlangt, alle Begleiterkrankungen zu erfassen, damit die Behandlungsreihenfolge festgelegt werden kann (Kooij et al., 2019). Mehr zur Reizempfindlichkeit steht im Beitrag zur Reizüberflutung bei ADHS.
Aus der Praxis
In der Sprechstunde fragen wir bei Ängsten genauer nach: Wovor entsteht die Anspannung, tritt sie nur in bestimmten Situationen auf, und wann hat sie begonnen? Häufig zeigt sich im Gespräch, dass Vermeiden im Alltag lange als Vorsicht oder Eigenart erlebt wird und erst spät als Belastung.
Wichtig ist uns, Angst und ADHS nicht gegeneinander auszuspielen. Beides kann gleichzeitig bestehen und sich gegenseitig verstärken, und eine Angststörung wird leicht übersehen, wenn nur auf ADHS geschaut wird, und umgekehrt. Deshalb erfassen wir Begleitbeschwerden sorgfältig, bevor wir einen Behandlungsplan besprechen. Welche Beschwerden zuerst angegangen werden, entscheiden wir gemeinsam mit Dir, abhängig davon, was Dich am stärksten beeinträchtigt.
Wie wird die Kombination behandelt?
Mit einem Plan, der beide Störungen im Blick hat. Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass häufig zuerst die Erkrankung behandelt wird, die am stärksten beeinträchtigt und am instabilsten ist (Fu et al., 2025). Über Alltag, Therapie und Medikation entscheidet ihr gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.
Psychotherapie
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist die am besten untersuchte Form. Eine Metaanalyse fand unter KVT bei Erwachsenen mit ADHS Verbesserungen bei Lebensqualität, emotionaler Dysregulation, Depression und Angst, besonders bei späteren Nachuntersuchungen. Für Achtsamkeit, dialektisch-behaviorale Therapie und Neurofeedback war die Studienlage kleiner und mit höherem Verzerrungsrisiko verbunden (López-Pinar et al., 2020). In der Therapie geht es meist darum, angstverstärkende Gedanken zu erkennen und zu verändern, aber auch um Struktur, Planung und den Umgang mit Stress und Reizen.
Medikamente
Das britische NICE empfiehlt, Menschen mit ADHS und einer Angststörung dieselben Medikamentenoptionen anzubieten wie anderen Menschen mit ADHS (NICE, 2018). Ob und welches Medikament für Dich infrage kommt, entscheidet Deine behandelnde Ärztin oder Dein Arzt. Wichtig ist eine engmaschige Begleitung: Spürst Du nach Behandlungsbeginn mehr Unruhe oder Angst, sprich offen mit der Praxis. Ändere oder beende Medikamente nie auf eigene Faust.

Alltag und Selbsthilfe
- Struktur: Feste Tagesabläufe, klare Prioritäten und kleine Etappenziele können Überforderung verringern.
- Bewegung und Ernährung: Regelmässige Bewegung und ausgewogene Ernährung gehören laut NICE zu den allgemeinen Empfehlungen bei ADHS (NICE, 2018).
- Entspannung: Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeit können helfen, innere Unruhe zu regulieren. Sie ergänzen eine Behandlung, ersetzen sie aber nicht.
- Schlaf: Feste Zubettgehzeiten und möglichst wenig Bildschirm am Abend können den Schlaf unterstützen. Halten Schlafprobleme länger an, lohnt sich ein ärztliches Gespräch.
- Austausch: Selbsthilfegruppen, online oder vor Ort, entlasten. NICE ermutigt zur Teilnahme an Peer-Support-Gruppen. Eine Liste findest Du bei Selbsthilfe Schweiz.
Wenn sich zur Angst auch Niedergeschlagenheit gesellt, lies den Beitrag zu ADHS und Depression. Er erklärt, wie die beiden Störungen zusammenhängen.
Wann ist ärztliche Hilfe sinnvoll?
Wenn Ängste Deinen Alltag, Deine Arbeit oder Deine Beziehungen über längere Zeit einschränken, Du Situationen zunehmend meidest oder Panikattacken auftreten. Sprich mit Deiner Hausarztpraxis oder einer Fachperson. Treten plötzlich Brustschmerzen oder starke Atemnot auf, lass das ärztlich abklären und wähle im Notfall die 144.
Wenn Du daran denkst, Dir das Leben zu nehmen, oder Dich in einer akuten Krise befindest, warte nicht: Wähle die 144 (Rettung) oder rufe die Dargebotene Hand unter 143 an. Auch die Hausarztpraxis oder der Notfall sind Anlaufstellen.
Warum bleibt ADHS bei Frauen mit Ängsten oft unerkannt?
Bei Frauen fallen häufig innere Unruhe, Sorgen und Anspannung auf, während Hyperaktivität weniger sichtbar ist. Dann wird die Angststörung behandelt und ADHS als mögliche Mitursache übersehen. Hinweise auf ADHS können Beschwerden sein, die schon seit der Kindheit bestehen, viel Mehraufwand im Alltag und eine Behandlung, die bisher nicht ausgereicht hat. Mehr dazu im Ratgeber ADHS bei Frauen. Alle Beiträge zum Thema findest Du in der Übersicht ADHS bei Frauen.
Häufige Fragen zu ADHS und Angststörungen
Kann ADHS Ängste verursachen?
ADHS kann das Risiko für Angst erhöhen, ist aber nicht die einzige Ursache. Ständige Überforderung und Selbstzweifel können Ängste fördern. Ausserdem gibt es genetische Überschneidungen (Fu et al., 2025). In anderen Fällen besteht die Angststörung schon länger, und ADHS wird erst später auffällig (Katzman et al., 2017). Das lässt sich nur ärztlich klären.
Ist soziale Angst bei ADHS häufig?
In einer Studie mit 353 Erwachsenen mit ADHS war die soziale Phobie die häufigste Angststörung (rund 30 Prozent), gefolgt von Panikstörung und PTSD (Filion Quenneville et al., 2022). Hinter dem Rückzug können Angst vor Bewertung oder die Erfahrung stehen, wegen ADHS-Verhalten kritisiert worden zu sein.
Wird eine Angststörung bei ADHS oft übersehen?
Das kommt vor, und auch ADHS bleibt bei Menschen mit Angst manchmal unerkannt. Eine Übersichtsarbeit berichtet, dass bei etwa 28 Prozent der Personen, die wegen Stimmungs- und Angstbeschwerden zugewiesen wurden, eine ADHS unentdeckt war (Katzman et al., 2017). Deshalb sollten beide Störungen bei der Abklärung mitgedacht werden.
Hilft Psychotherapie bei ADHS und Angst zusammen?
Ja, die kognitive Verhaltenstherapie ist hier am besten untersucht. In einer Metaanalyse verbesserte sie bei Erwachsenen mit ADHS unter anderem die Angstsymptome (López-Pinar et al., 2020). Die Studienqualität ist unterschiedlich. Welcher Ansatz zu Dir passt, besprichst Du mit Deiner Therapeutin oder Deinem Therapeuten.
Fazit
ADHS und Angst gehören oft zusammen, und beides ist behandelbar. Deine Angst ist real. Wichtig ist, dass die ADHS nicht übersehen wird und die Behandlung beide Seiten ernst nimmt. Welche Behandlung zu Dir passen kann, erfährst Du auf der Seite zur ADHS-Therapie. Das Erstgespräch mit unserem Beratungsteam ist kostenlos.
Quellen
- Kessler R.C. et al. (2006): The Prevalence and Correlates of Adult ADHD in the United States: Results From the National Comorbidity Survey Replication. American Journal of Psychiatry, 163(4). psychiatryonline.org
- Kooij J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14-34. cambridge.org
- Choi W.S. et al. (2022): The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLOS ONE. plos.org
- Filion Quenneville A., Kalogeropoulou E., Nicastro R., Weibel S., Chanut F., Perroud N. (2022): Anxiety disorders in adult ADHD: A frequent comorbidity and a risk factor for externalizing problems. Psychiatry Research, 310. sciencedirect.com
- Katzman M.A. et al. (2017): Adult ADHD and comorbid disorders: clinical implications of a dimensional approach. BMC Psychiatry. springer.com
- Fu X. et al. (2025): Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: A review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry, 16, 1597559. frontiersin.org
- López-Pinar C. et al. (2020): Efficacy of Nonpharmacological Treatments on Comorbid Internalizing Symptoms of Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Meta-Analytic Review. Journal of Attention Disorders, 24(3). sagepub.com
- Mestres F. et al. (2025): Sex differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based study. European Psychiatry, 68(1). cambridge.org
- NICE (2018, aktualisiert 2019): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87), Empfehlungen 1.6.1, 1.7.18 und 1.9.4. nice.org.uk
- Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und E-Mail. 143.ch